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: Gegenseitige Radikalisierung

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Diese Studie über den Einsatz der Wehrmacht im Ostkrieg hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Positiv ist die enorme Quellenkenntnis des Autors, positiv sind Detailreichtum und auch Differenziertheit, mit der er die wichtigsten Handlungsfelder der Wehrmacht schildert, und positiv ist schließlich sein ...

          Diese Studie über den Einsatz der Wehrmacht im Ostkrieg hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Positiv ist die enorme Quellenkenntnis des Autors, positiv sind Detailreichtum und auch Differenziertheit, mit der er die wichtigsten Handlungsfelder der Wehrmacht schildert, und positiv ist schließlich sein beharrliches Erinnern daran, daß auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz die Soldaten zweier totalitärer Staaten gegeneinander kämpften, die sich natürlich - wie könnte es anders sein - gegenseitig radikalisierten. Gerade die neuere Forschungsliteratur, welche die Ereignisse zum Teil ausschließlich aus der Perspektive der deutschen Akten nachzeichnet, tendiert immer mehr dazu, diesen fundamentalen Aspekt zu ignorieren. Bedenklich ist freilich, wenn bei Klaus Jochen Arnold darüber die zentralen ideologischen Handlungsvorgaben der deutschen Führung, die sie doch zum größeren Teil schon vor Feldzugsbeginn in Kraft gesetzt oder zumindest doch skizziert hatte, manchmal zu stark in den Hintergrund treten.

          Die sprachliche Gestaltung dieser Studie läßt das teilweise sehr komplexe Geschehen nicht unbedingt transparenter werden. Zuweilen fördert sie, und das ist ärgerlich, auch Mißverständnisse. Wenn der Autor etwa mutmaßt, Hitler habe seine Entscheidungen "nicht in einem ideologiegefüllten Vakuum" gefällt (seit wann ist ein Vakuum gefüllt?), sondern "in Reaktion auf die Entwicklungen und vor dem Hintergrund seiner Weltanschauung", dann bleibt die Frage unbeantwortet, wie Hitlers Politik zu bewerten ist - als opportunistisch, der jeweiligen Lage angepaßt, oder eben doch primär als ideologiegeleitet? Solchen Einschränkungen zum Trotz handelt es sich dennoch um einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des deutsch-sowjetischen Krieges, der die bewegte Diskussion über die Verbrechen der Wehrmacht auf alle Fälle bereichern wird.

          CHRISTIAN HARTMANN

          Klaus Jochen Arnold: Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa". Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2005. 579 S., 48,80 [Euro].

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