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: Gegen Opportunitätsmeierei

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Ursula Reuter: Paul Singer (1844-1911). Eine politische Biographie. Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 138. Droste Verlag, Düsseldorf 2004. 674 Seiten, 74,- [Euro]"Großbourgeois und musterhafter Sozialdemokrat" - so kündigte Wilhelm Liebknecht ihn ...

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          Ursula Reuter: Paul Singer (1844-1911). Eine politische Biographie. Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 138. Droste Verlag, Düsseldorf 2004. 674 Seiten, 74,- [Euro]

          "Großbourgeois und musterhafter Sozialdemokrat" - so kündigte Wilhelm Liebknecht ihn an, als er Paul Singer 1878 bei Friedrich Engels und Karl Marx einführte. Das war werbend gemeint. Singer gehörte zu den bürgerlichen Demokraten, die der politische Kampf um eine gerechtere Gesellschaft in die Sozialdemokratie führte. Binnen weniger Jahre stieg er in die Führungszirkel der jungen Partei auf, die er seit den 1890er Jahren neben August Bebel und Wilhelm Liebknecht wie kein anderer repräsentierte. Ein erfolgreicher jüdischer Unternehmer, der (wie damals in der Konfektionsbranche üblich) durch Zwischenmeister - heute würde man von Scheinselbständigen sprechen - kostengünstig Damenmäntel vornehmlich für den Export produzieren ließ, wird zum "heimlichen Kaiser" der Sozialdemokratie, mächtiger noch als Bebel, wie Hellmut von Gerlach 1908 schrieb.

          "Es war etwas Gewaltiges an Masse und Idealismus", notierte 1911 selbst die kritische Rosa Luxemburg, als sie von Singers Begräbnis zurückkam, das zu einer überwältigenden Demonstration geworden war: "Die Sozialdemokratie ist eine Macht, und sie beherrscht jetzt wirklich schon die Herzen und die Hirne enormer Massen." Eine unüberschaubare Schar von Menschen, selbst die mißgünstige Polizei sprach von mehr als fünfzigtausend, hatte Singer auf seinem letzten Weg durch Berlin begleitet, sozialdemokratische Arbeiter zumeist, doch auch bürgerliche Honoratioren bis hinauf zum Oberbürgermeister standen am Grab - der ungewöhnliche Abschluß eines außergewöhnlichen politischen Lebens. Von ihm handelt dieses Buch.

          In Singers Lebensweg gewinnt eine Partei persönliche Züge, die das deutsche Kaiserreich als einen Klassenstaat kompromißlos verdammte, jedoch durch unzählige Fäden mit ihm verbunden war und voller Enthusiasmus daran arbeitete, ihn zu verbessern. Singer verkörperte diesen Zwiespalt. Er und sein Bruder Heinrich wagten es 1869, in Berlin eine eigene Firma zu gründen, die sie rasch zu wohlhabenden und angesehenen Bürgern werden ließ. Der enge Familienzusammenhalt - die unverheiratete Schwester Mathilde führte den beiden ebenfalls ledigen Brüdern den gemeinsamen Haushalt - sicherte Paul auch weiterhin einen bürgerlichen Lebensstil, zu dem Dienstpersonal und Kuren gehörten, als er 1887 aus dem Unternehmen, das in seiner Glanzzeit bis zu eintausend Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigte, ausschied und nun ganz für die Politik lebte. Für die Genossen blieb er stets der wohlhabende Unternehmer, der diskret finanziell half, wenn es not tat. Ihn hatte auch der Berliner Korrespondent der "Neuen Züricher Zeitung" vor Augen, als Singer 1883 erstmals für die Sozialdemokratie in die Stadtverordneten-Versammlung gewählt wurde: Er repräsentiere "den Typus eines vornehmen Großkaufmanns, den Chef eines Welthauses. Bestechend und gewinnend wirkt auf jeden, daß er sich aus Liebe zu den Armen und Bedrückten der Arbeiterbewegung widmet."

          Das sah jedoch keineswegs jeder so. Die Bürgerpartei agitierte mit antisemitischen Stereotypen gegen ihn. Sie hatte keinen Erfolg, Singer wurde gewählt. Er äußerte sich nicht zu spezifisch jüdischen Belangen und engagierte sich in keinem jüdischen Verein, doch er trat nicht aus der jüdischen Gemeinde aus. Sein Beitrag zur gesellschaftlichen Integration der Juden in Deutschland bestand, wie die Autorin betont, in seinem Lebensweg: Es war als Jude möglich, in der Sozialdemokratie in höchste Ämter gewählt zu werden, und es war auch möglich, in der Kommunalpolitik über das sozialdemokratische Milieu hinaus, das für Antisemitismus unempfänglich blieb, erfolgreich zu wirken.

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