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: Gegen Hitler und gegen Adenauer

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"Als politischer Konvertit" wurde er "zu einem Grenzgänger und einem Wanderer zwischen den Parteien", lautet das Urteil Jörg Treffkes über die politische Vita Gustav Heinemanns, der den meisten als unbequemer, mit der rebellierenden Jugend sympathisierender Bürgerpräsident im Gedächtnis geblieben ist.

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          "Als politischer Konvertit" wurde er "zu einem Grenzgänger und einem Wanderer zwischen den Parteien", lautet das Urteil Jörg Treffkes über die politische Vita Gustav Heinemanns, der den meisten als unbequemer, mit der rebellierenden Jugend sympathisierender Bürgerpräsident im Gedächtnis geblieben ist. Der Autor hat keine politische Biographie verfasst - wie der Untertitel des Buches verspricht -, sondern beschränkt sich darauf, dessen Verhältnis zu den fünf Parteien, in denen er sich während seines Lebens engagierte, auszuloten und den Gründen für dessen Parteieintritte und -austritte nachzuspüren. Noch vor der Lektüre fragt man sich, ob dieser Ansatz der Persönlichkeit Heinemanns wirklich gerecht werden kann. Denn zum einen galt dieser, wie der Autor selbst unterstreicht, als "Antityp eines Parteipolitikers", zum anderen war sein politisches Denken und Handeln seit 1930 untrennbar mit seinem Glauben und seinem Einsatz in der evangelischen Kirche verbunden, auf den Treffke jedoch nur am Rande eingeht.

          Dass der Marburger Student Heinemann sich 1919 im Alter von 20 Jahren der deutsch-demokratischen Jugendgruppe - einer Untergliederung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die eine Brücke zwischen liberalem Bürgertum und sozialdemokratischer Arbeiterbewegung zu schlagen versuchte - anschloss, kann auf die politische Sozialisation in seinem Elternhaus zurückgeführt werden. Hier herrschte eine republikanisch-freiheitliche Gesinnung; das Vermächtnis des Urgroßvaters, der sich an der Märzrevolution 1848 beteiligt hatte, wurde in Ehren gehalten. Der Student der Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften arbeitete im Marburger AStA mit und verteidigte als Angehöriger einer Studentenwehr und Volkskompanie die junge Republik gegen Aufstandsversuche von links und rechts. Bereits 1921/22 zog sich Heinemann wieder aus dem aktiven politischen Geschehen zurück, denn er war zur der Erkenntnis gelangt, "dass die parteipolitische Arbeit viel zu sehr bloße Augenblicksarbeit ist", die in einem "Kampf der Schlagwörter" steckenbleibt.

          Nachdem der Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde Essen-Altstadt Friedrich Graeber dem bisher "religiös unmusikalischen" Heinemann den evangelischen Glauben nahegebracht hatte, wurde dieser 1930 Mitglied des Christlich-Sozialen Volksdienstes, einer dezidiert protestantischen Partei, deren Programm auf den sittlichen Grundsätzen des Evangeliums beruhte und den Kampf gegen das "Diktat" von Versailles mit dem Eintreten für eine sozialreformerische Wirtschafts- und Sozialpolitik verband. Über Heinemanns Tätigkeit in dieser Partei erfährt man jedoch in der Arbeit Treffkes nichts, da keine Dokumente hierzu überliefert sind.

          Als große Enthüllung präsentiert der Autor hingegen seinen Fund, dass Heinemann nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Mitglied des Reichsluftschutzbundes, des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen und der NS-Volkswohlfahrt wurde. Dass Heinemann obendrein 1936 zum stellvertretenden Vorstandsmitglied und Bergwerksdirektor der Rheinischen Stahlwerke befördert wurde, genügt Treffke, um Heinemann in einem Atemzug mit Kurt Georg Kiesinger, Hans Globke, Hans Filbinger und Karl Carstens zu nennen. Das vermag nicht zu überzeugen, denn der NS-Juristenorganisation entzog sich - wie der Autor selbst einräumt - nur eine verschwindend geringe Anzahl von Anwälten, und die NS-Volkswohlfahrt war ein Feigenblatt, durch das man der Parteimitgliedschaft entgehen konnte. Globke hingegen hatte sich als Mitverfasser eines Kommentars zu den Nürnberger Gesetzen an der bürokratischen Stigmatisierung der Juden beteiligt, und Filbinger hatte als Marinerichter noch kurz vor Kriegsende Todesurteile gefällt.

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