https://www.faz.net/-gqz-15n9w

: Gegen die Wiederkehr des Vergangenen

  • Aktualisiert am

Er war der einzige Auschwitz-Überlebende, der dem Bundestag angehörte. Erik Blumenfeld, 1915 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer dänischen Gutsbesitzerstochter in Hamburg geboren, machte nach dem Abitur in Salem eine kaufmännische Ausbildung in England und studierte - neben seiner Vorstandstätigkeit ...

          Er war der einzige Auschwitz-Überlebende, der dem Bundestag angehörte. Erik Blumenfeld, 1915 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer dänischen Gutsbesitzerstochter in Hamburg geboren, machte nach dem Abitur in Salem eine kaufmännische Ausbildung in England und studierte - neben seiner Vorstandstätigkeit im Familienunternehmen - Berg- und Hüttenwesen in Berlin. Damals trat er nach eigener Aussage "eher wie ein Playboy" auf, fuhr einen Sportwagen, freundete sich mit Filmstar Zarah Leander an und konnte als "Schnäppchen" August Mackes "Vor dem Hutladen" erwerben. Der "Mischling I. Grades", dessen schon 1927 verwitwete Mutter 1939 vom Hamburger Gauleiter gezwungen wurde, wieder ihren Geburtsnamen Möller anzunehmen, wurde kurz vor Kriegsbeginn eingezogen und als Fahrlehrer eingesetzt.

          Nachdem Hitler im April 1940 entschieden hatte, "Mischlinge I. Grades" und "jüdisch Versippte" aus der Wehrmacht zu entfernen, wurde der Gefreite im Dezember entlassen. In die Leitung der "Norddeutschen Kohlen & Cokes Werke" zurückgekehrt, kam Blumenfeld aus politischen Gründen (Vorwurf der "Wehrkraftzersetzung") Ende 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz und später nach Buchenwald. Seiner Mutter gelang es durch ihre Bekanntschaft zu Himmlers Leibmasseur Felix Kersten, dass Blumenfelds Haft im Sommer 1944 endete; als Vorbedingung hatte er sich allerdings "freiwillig" sterilisieren lassen müssen. Gerd Bucerius, selbst mit einer Jüdin verheiratet, setzte sich wiederholt als Anwalt für Blumenfeld ein und versteckte ihn samt Freundin noch kurz vor Kriegsende.

          Frank Bajohr ist ein exzellentes und überzeugendes Porträt Blumenfelds gelungen. Blumenfeld zählte 1946 zu den Gründern der CDU in der Hansestadt, übernahm neben der Tätigkeit im Familienunternehmen 1949 den Fraktionsvorsitz in der Bürgerschaft, stand von 1958 bis 1968 dem Landesverband vor, war von 1961 bis 1980 im Bundestag und von 1973 bis 1989 im Europäischen Parlament. Bajohr will nicht nur Blumenfelds Leben beschreiben, sondern auch die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Strukturen aufzeigen: die "Leitbilder seiner Zeit". Vor allem interessiert ihn, warum Blumenfeld erst am 29. März 1979 in der Bundestagsdebatte über die Verjährung von NS-Verbrechen öffentlich seine Inhaftierung in Auschwitz erwähnte.

          Blumenfeld gründete schon im Mai 1946 gemeinsam mit Bucerius die "Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen" und schloss sich dem "Komitee der politisch Verfolgten in der britischen Zone" an. Im April 1947 bekannte er sich in der Bürgerschaft zwar zu seinem Verfolgungsschicksal, bezeichnete sich aber als "ehemaligen politischen Häftling". So definierte er sich selbst "mit dieser Formulierung nicht als ehemals ,rassisch' Verfolgter - und trug damit wohl den feinen Hierarchien unter den damals Verfolgten Rechnung", schreibt Bajohr. Die Lagerzeit umschrieb er als "Unaussprechliches"; darüber wollte er nur mit anderen KZ-Überlebenden reden.

          Im Herbst 1953 hatte Blumenfeld die Chance, als Vorsitzender des Hamburg-Blocks aus CDU, Deutscher Partei, FDP und dem "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten" Erster Bürgermeister zu werden. Doch er fühlte sich zu jung für das Amt, so dass der Hamburg-Block in der Schlussphase des Wahlkampfes den deutschen Gesandten in Stockholm, Kurt Sieveking, aufstellte. Mit 50 Prozent der abgegebenen Stimmen für den Block stand Sieveking vier Jahre an der Spitze des Stadtstaates. Im Frühjahr 1955 zog sich Blumenfeld vorübergehend aus der Politik zurück und begründete dies mit geschäftlichen Verpflichtungen. 1958 kehrte er zurück, wurde CDU-Landesvorsitzender und machte sich ab 1961 im Bundestag als Außenpolitiker einen Namen.

          Weitere Themen

          „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab Video-Seite öffnen

          12 Preise für Fantasyserie : „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab

          Game of Thrones stellt dabei den eigenen Rekord ein und konnte nach 2015 und 2016 erneut 12 Auszeichnungen verbuchen, darunter auch der Preis für die beste Dramaserie. Heimliche Gewinnerin des Abends war Phoebe Waller-Bridge, die für „Fleabag“ drei Emmys gewann.

          Topmeldungen

          UN-Klimagipfel in New York : War das alles, Frau Merkel?

          Mit ihrem Klimapaket enttäuschte die Bundesregierung viele. Auch in New York steht Merkel unter Rechtfertigungsdruck. Sie verweist auf die Bevölkerung – und den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft.

          AKK in Amerika : Im Leer-Jet zum Pentagon

          Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer reist zum ersten Mal nach Washington. Ihr Terminplan überrascht – vor allem, wen sie alles nicht trifft.

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.