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: Gefärbter Blick

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Einen "Supergeheimdienst" haben die ARD-"Tagesthemen" die militärische Aufklärung der Nationalen Volksarmee (NVA) einmal genannt. Bodo Wegmann schneidet diese Einrichtung jetzt auf ein Normalmaß zurück. Akribisch sichtete er die erhaltenen Akten; im Freiburger Bundesarchiv-Militärarchiv wurde er fündig, ...

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          Einen "Supergeheimdienst" haben die ARD-"Tagesthemen" die militärische Aufklärung der Nationalen Volksarmee (NVA) einmal genannt. Bodo Wegmann schneidet diese Einrichtung jetzt auf ein Normalmaß zurück. Akribisch sichtete er die erhaltenen Akten; im Freiburger Bundesarchiv-Militärarchiv wurde er fündig, denn die Militäraufklärung war eine Einrichtung des DDR-Militärs. Allerdings vernichtete die Dienststelle 1990 mit Zustimmung der damaligen NVA-Führung selbst einen großen Teil ihrer Dokumente. Material fand Wegmann auch in den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR - denn die Verwaltung Aufklärung - seit 1984: Bereich Aufklärung - der NVA war von Stasi-Spitzeln durchsetzt. Ihre eigene Absicherung oblag ihr nicht selbst, sondern der Hauptabteilung I der Staatssicherheit. Und dort entstand fast eine doppelte Überlieferung, die weitgehend von Vernichtung verschont blieb.

          Arbeiten über nachrichtendienstliche Themen, vor allem, wenn es sich um Bereiche handelt, die bisher der Öffentlichkeit kaum bekannt waren, stehen immer in Gefahr, stilistisch und inhaltlich in die Nähe zum Spionageroman zu geraten. Dieser Versuchung ist Wegmann nicht erlegen - vor allem wohl, weil er sich auf weiten Strecken am organisatorischen Aufbau orientiert, und weil er alle Kapitel strikt nach dem Schema Quellenlage, Organisationsgeschichte, nachgeordnete Strukturelemente abarbeitet. Das verleiht dem Band ein wenig den Charakter eines Handbuchs. Es wird deutlich, wie neben den glamourösen Bereichen auch die "Sicherstellung", die "Finanzökonomie" und die "Kaderabteilung" wichtige Rollen spielten. Schließlich ging es auch darum, einen erheblichen Bestand an "Westfahrzeugen" zu unterhalten, Mittel für die Geheimtätigkeit in den Westen zu transferieren oder das geeignete Personal auszuwählen und auszubilden. Es ist eine Unmenge geduldig und zuverlässig recherchierten Materials, das Wegmann hier ausbreitet, und zwar sehr klein gedruckt. Dabei quält Wegmann den Leser mit einer Unmenge von Abkürzungen, die selbst den geduldigsten immer wieder zum Blättern im zweispaltigen und immerhin fünfzehn Seiten umfassenden Abkürzungsverzeichnis nötigt.

          Der DDR-Militäraufklärung war im Rahmen des Warschauer Pakts die Hauptaufgabe gestellt, militärisch relevante Ziele in der Bundesrepublik sowie in Nordwesteuropa und Dänemark zu bearbeiten. Es gelangen ihr spektakuläre Einbrüche im Bereich der "HumInt", also der klassischen Spionage. Wegmann zeigt auf, daß die meisten Aufklärungsergebnisse auf der Abschöpfung offener Quellen und auf der Funk- und Fernmeldeaufklärung beruhten, in der es die NVA zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte. Eine umfangreiche Auswerteabteilung führte die Einzelergebnisse gekonnt zusammen.

          Wegmann schildert, wie zunächst die Sowjets die Aufklärung aufbauten; die ersten Leiter kamen aus der Partisanentätigkeit des Zweiten Weltkriegs; entsprechend flexibel und informell führten sie. Erst später übernahmen "gelernte" Militärs das Kommando, gossen die Alltagsarbeit in feste Strukturen, erstickten damit aber auch Kreativität und Einfallsreichtum. In den westlichen Diensten bescheinigte man der Militäraufklärung der DDR zunehmend schematisches Vorgehen und Berechenbarkeit. Dieser Teil des DDR-Militärs war fest in den Händen der SED; hundert Prozent der Offiziere seien Parteimitglieder gewesen, schreibt Wegmann. Das aber färbte den Blick. Noch 1987 ging eine "Sonderinformation" davon aus, die Bundesrepublik werde weiterhin nicht an einer Verbesserung der deutschlandpolitischen Zusammenarbeit interessiert sein - eine Schlußfolgerung, die in dieser Einseitigkeit sogar von der politischen Führung der DDR kritisiert wurde. Letztlich hat die Aufklärung der NVA auf der Basis ihrer ideologischen Vorgaben und ihrer Beschränkung auf militärische Aspekte der Sicherheitspolitik nie den grundsätzlich defensiven Charakter der Nato akzeptiert und damit bei aller Fülle an Details ihren Auftraggebern durchgängig ein grundfalsches Lagebild vermittelt. Hier waren keine "Spione für den Frieden" am Werk, ganz im Gegenteil.

          Leider haben die mitunter große Nähe des Autors zu seinen Quellen und seine oft unkritische Abstützung auf Zeitzeugen dazu geführt, daß er sich manche Bewertungen der "Verwaltung Aufklärung" zu eigen macht. Es ist schon richtig, "daß die Westgrenze der DDR nicht einer gewöhnlichen binationalen Grenze entsprach, sondern im europäischen Raum die Nahtstelle der beiden größten politischen, wirtschaftlichen und militärischen Staatenbündnisse des Kalten Krieges war" - aber war das ihr einziges Spezifikum? War da nicht noch etwas anderes?

          Wegmann bescheinigt der Militäraufklärung einen "unverkennbar objektiven Ansatz" und bewertet eine Passage in den Quellen, wo es heißt: "Die sture Verbissenheit, mit der der deutsche Militarismus seine Wiederaufrüstungsziele unter menschenfeindlicher Nichtachtung der Friedensforderungen der gesamten deutschen werktätigen Bevölkerung verfolgte . . ." als "Sprache der Zeit". Das ist aber nicht die Sprache der Zeit, sondern die der Ideologie! Vielleicht ist es dem politikwissenschaftlichen Ansatz geschuldet, daß die Frage nach der Verantwortung für den Kalten Krieg hinter einer leichtfertig-äquidistanten Betrachtung zurückbleibt. Es ist bedauerlich, daß ein in der Ausbreitung des Materials so verdienstvolles Buch in manchen Wertungen so danebenliegen kann.

          WINFRIED HEINEMANN

          Bodo Wegmann: Die Militäraufklärung der NVA. Die zentrale Organisation der militärischen Aufklärung der Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik. Verlag Dr. Köster, Berlin 2005. 714 S., 48,- [Euro].

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