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: Gebrochene Karriere

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Die lebhaften Diskussionen der vergangenen Jahre über die Erweiterung des rheinischen Braunkohlenabbaus im neuen Grubenbereich "Garzweiler II" im Westen haben auch an die Pläne eines Mannes erinnert, der in den Anfängen dieser Entwicklung eine wesentliche Rolle spielte. Der rheinische Industrielle ...

          Die lebhaften Diskussionen der vergangenen Jahre über die Erweiterung des rheinischen Braunkohlenabbaus im neuen Grubenbereich "Garzweiler II" im Westen haben auch an die Pläne eines Mannes erinnert, der in den Anfängen dieser Entwicklung eine wesentliche Rolle spielte. Der rheinische Industrielle Paul Silverberg, vom gleichen Jahrgang (1876) wie Adenauer und auch sonst als Verhandlungspartner dem Kölner Oberbürgermeister in vielem ähnlich, repräsentiert in der rheinisch-westfälischen Wirtschaftsgeschichte den typischen Übergang vom erfolgreichen Leiter eines Familienunternehmens zum Vorstandsvorsitzenden und Anteilseigner der daraus hervorgegangenen bedeutenden Kapitalgesellschaft.

          Als Silverberg 1903 nach abgeschlossenem Universitätsstudium im Alter von 27 Jahren und nach dem überraschenden Tod seines Vaters eine familieneigene Wollweberei und die Rheinische Linoleum Werke AG sowie die noch vom Vater gegründete Fortuna AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation in Bedburg übernahm, war die Ausweitung zum Großunternehmen schon vorgezeichnet. Aber erst unter der Ägide des jungen Silverberg fand diese Entwicklung hin zur Rheinischen Aktiengesellschaft für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation (RAG) 1907 wirklich statt. Dabei stellte auch die Einbindung von Großbanken ein weiteres modernes Entwicklungselement dar. Als entscheidend erwies sich aber die Gründung der Rheinischen Elektrizitätswerke im Braunkohlenrevier AG. (REW) im Sommer 1910, die später mit der Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG (RWE) in Essen fusionierte. Mit der REW-Gründung tat Silverberg den Schritt in die zukunftsweisende und wachstumsintensive Elektrizitätswirtschaft, deren Bedeutung er erkannt hatte.

          Der aus einer jüdischen Familie stammende, aber schon in jugendlichem Alter zum Protestantismus übergetretene Unternehmersohn entwickelte früh ein klares und freiheitliches ordnungspolitisches Bewusstsein. Die Unternehmerbiographie von Boris Gehlen zeichnet die strategischen Überlegungen und Entscheidungen Silverbergs sehr sorgfältig und kritisch nach. Sie geht auch, trotz schwieriger Quellenlage, seiner frühen Sozialisation nach. Silverberg hatte die Zukunftsdimension der Energiewirtschaft schon vor 1910 erkannt und seine eigene, auf dieser Erkenntnisgrundlage beruhende wirtschaftliche Machtposition geschickt genutzt. Die Zahl seiner Aufsichtsratsmandate in führenden Unternehmen der deutschen Wirtschaft betrug bereits im Jahr 1926 dreiunddreißig und erreichte für den gesamten Zeitraum von 1903 bis 1934 die Zahl sechsundsiebzig. Hinzu kamen wichtige Verbandsfunktionen im Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen ("Langnamverein"), im Reichskohlenverband und im Reichskohlenrat der Weimarer Republik, auch im Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat, das Präsidentenamt der Kölner Industrie- und Handelskammer und des Deutschen Industrie- und Handelstags, Präsidiumsmitgliedschaften im Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI), bei der Deutschen Reichsbahn und auch ein politisches Mandat (DNVP) im Rheinischen Provinzial-Landtag. Alle diese Ämter verdankte er in erster Linie der Hochachtung, die seiner wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Expertise entgegengebracht wurde. Er entwickelte aus diesen Kontakten ein strategisches Netzwerk, das ihm allmählich, gleichsam in konzentrischen Kreisen, ein wachsendes Kontroll- und Informationspotential von beträchtlichem Umfang verschaffte.

          Diese konzentrischen Wellen brachen sich jedoch in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 und in den Anfängen der nationalsozialistischen Herrschaft hauptsächlich an zwei Hindernissen. Das eine war 1933 die diskriminierende Rassenpolitik des Nationalsozialismus, die auf konfessionelle Zugehörigkeiten oder individuelle Meriten keine Rücksicht nahm. Den anderen Faktor macht Gehlen in einer Unterfinanzierung beziehungsweise in Silverbergs Kapitalminderheit in den von ihm selbst geleiteten Unternehmen aus, was ihm schließlich 1932/33 die Möglichkeit nahm, die Übernahme der RAG durch das RWE aus eigener Kraft abzuwehren oder die Fusion modifizieren zu können.

          Hier scheiterte ein bürgerlicher Lebensentwurf. Silverberg zog daraus die Konsequenzen und emigrierte gleich 1933 in die Schweiz, wo er bei Lugano noch bis 1959 in gesicherten Verhältnissen lebte, besucht und gefragt von früheren Weggefährten, auch in reger Korrespondenz mit ihnen, aber ohne selbst noch einmal nach Deutschland zurückzukehren. Gehlens beachtliche Forscherleistung wirft einiges neues Licht auf die Gründung der Vereinigten Stahlwerke 1926 und auf die "Gelsenberg-Affäre" von 1932 sowie auf die damals divergierenden Führungskreise der Ruhrindustrie.

          KURT DÜWELL

          Boris Gehlen: Paul Silverberg (1876-1959). Ein Unternehmer. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2007. 605 S., 78,- [Euro].

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