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: Freund der Sowjetunion

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Ein Rätselbuch. Warum gerade jetzt, nach mehr als sechzig Jahren, diese Studie über einen Mann, der für sich selbst nach dem Zweiten Weltkrieg zwar die Rolle des ersten deutschen Außenministers vorsah, dafür aber nicht einmal im engsten Führungszirkel seiner Partei, der CDU, Unterstützung fand? Der, ...

          Ein Rätselbuch. Warum gerade jetzt, nach mehr als sechzig Jahren, diese Studie über einen Mann, der für sich selbst nach dem Zweiten Weltkrieg zwar die Rolle des ersten deutschen Außenministers vorsah, dafür aber nicht einmal im engsten Führungszirkel seiner Partei, der CDU, Unterstützung fand? Der, wie der amerikanische Beobachter Robert Murphy notierte, zwar intelligent und mutig, aber politisch unentschlossen und mit der unseligen Fähigkeit ausgestattet war, es sich mit Freunden und Gegnern gleichermaßen zu verderben? Warum an diesen Mann erinnern, den heute nicht einmal an der Hauptstätte seines politischen Wirkens jemand kennt? Noch dazu durch ein Buch, dessen Preis prohibitiv sein dürfte, dessen Quellenpassagen so klein gedruckt sind, dass jeder Leser, jeder Rezensent nach Augentropfen und Schmerzensgeld rufen müsste. Und überdies aus der Feder eines Autors, der lange Professor am Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR gewesen ist. Was nirgends steht, was offenbar keiner wissen soll. Gerhard Keiderling, damals in Historikerkreisen als das schärfste Schwert der SED bekannt, ist mittlerweile über siebzig Jahre alt. Was hat ihn bewogen, sich mit Ferdinand Friedensburg zu beschäftigen, der es zwar auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zum amtierenden Oberbürgermeister von Berlin gebracht hat, aber eigentlich mit all seinen zentralen Entscheidungen schieflag?

          Gewiss, das großbürgerliche Leben von Ferdinand Friedensburg bietet durchaus farbige Passagen. 1886 in Schlesien geboren, im Ersten Weltkrieg ein spektakulär missglückter Ausbruch aus britischer Gefangenschaft in Gibraltar, nach dem Krieg DDP-Beitritt, erster nichtadeliger Landrat in Westpreußen bei den Hindenburgs, den Oldenburg-Januschaus, Vizepolizeipräsident in Berlin, Regierungspräsident in Kassel, mutiger Verteidiger der Weimarer Republik gegen den zuvor roten Freisler und NSDAP-Konsorten. Friedensburgs Stunde schlägt 1945. Politisch unbelastet, holt ihn die Sowjetische Militäradministation (SMAD) in die Verwaltung Berlins zurück, überträgt ihm die Leitung des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung, die er 22 Jahre behalten und geschickt gegen Attacken und Entmachtungsversuche durch KPD/SED, etwa auch gegen Jürgen Kuczynski, verteidigen wird. Dank sowjetischer Protektion steigt er auf zum Präsidenten der Deutschen Zentralverwaltung für Brennstoffindustrie in der SBZ - in Zeiten brutalen Energiemangels und fortbestehender staatlicher Lenkung und Planung eine Schlüsselposition.

          Er kann mit den Sowjets, trifft den richtigen Ton gegenüber Oberst Tjulpanow, dem Chef der Informationsabteilung der SMAD, oder dessen Vorgesetzten Schukow und Sokolowski. Sie stützen ihn gegenüber Verdächtigungen, Anschuldigungen, Attacken der SED. Er wird Mitglied im sowjetisch geprägten Kulturbund, in der Deutsch-Sowjetischen Studiengesellschaft. Friedensburg, der neben Walther Schreiber, Andreas Hermes, Jakob Kaiser und Ernst Lemmer in Berlin zu den Mitbegründern der CDU mit reichsweitem Anspruch gehört, betont damals oft: Ich bin kein Kommunist und werde auch keiner werden, aber ich bin ein Freund der Sowjetunion.

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