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: Fremde Freunde

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"Über die Russen und über uns" - so lautete der Titel eines spektakulären Artikels von Rudolf Herrnstadt, dem Chefredakteur des Neuen Deutschland, vom 18. November 1948. Spektakulär, weil der in der sowjetischen Besatzungszeitung Tägliche Rundschau nachgedruckte Text sich nicht nur in Floskeln erschöpfte, sondern ...

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          "Über die Russen und über uns" - so lautete der Titel eines spektakulären Artikels von Rudolf Herrnstadt, dem Chefredakteur des Neuen Deutschland, vom 18. November 1948. Spektakulär, weil der in der sowjetischen Besatzungszeitung Tägliche Rundschau nachgedruckte Text sich nicht nur in Floskeln erschöpfte, sondern "heiße Eisen" zumindest vorsichtig ansprach und knapp einen Monat später zum Anlass einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit großer Resonanz im Haus der Kultur der Sowjetunion in Berlin wurde. Es war eine der lebhaftesten und offensten Debatten dieses Zuschnitts - und auch eine der letzten bis zum Ende der DDR 1989. Sie galt einem Thema, das die deutsche Bevölkerung umtrieb, über das aber hinfort nicht mehr öffentlich gesprochen werden durfte: das Verhalten der Roten Armee beim Einmarsch in Deutschland 1945.

          Was der Artikel bewirken sollte, konnte er nicht erreichen: die traumatischen Erfahrungen vergessen zu lassen und das Verhältnis der DDR-Bevölkerung zu ihren Besatzern, die nun als "Freunde" galten, zu verbessern. Die Berlin-Blockade tat ein Übriges. Umfassender aufgearbeitet werden konnte dieses Thema erst nach 1990. Silke Satjukow hat dazu jetzt einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie beabsichtigt keine "Gesamtdarstellung", bietet aber ein höchst interessantes Mosaik mit sehr vielen neuen Facetten für den gesamten Zeitraum vom Einmarsch bis zum Abzug sowjetischer Truppen. Es vermittelt ein manchmal ungewohntes Bild, das zwischen Besetzern, Besatzern, ungeliebten Nachbarn und Freunden changiert, aber deshalb sehr aufschlussreiche Einblicke gibt in die verqueren Beziehungen zwischen den Siegern des Krieges, die sich oft als Verlierer im Alltag fühlten.

          Der große Gewinn der Darstellung liegt im Perspektivenwechsel. Der bisher dominierende politikhistorische Blick wird sozial- und kulturhistorisch ergänzt und differenziert. Die Studie sensibilisiert für Zwischentöne in einem politisch und emotional außerordentlich belasteten Themenkomplex. Rund eine halbe Million sowjetische Soldaten und Zivilbeschäftigte lebten in der Zeit vom Einmarsch 1945 bis zum Truppenabzug 1994 im östlichen Teil Deutschlands. Zwar waren den parteioffiziellen Versuchen, die "erfundene Freundschaft" (Jan C. Behrends) beim Volk zu etablieren, kaum Erfolge beschieden. Aber im Alltag waren die Besatzer und "Freunde" stets präsent, die Bevölkerung hatte sich daher nolens volens auf sie einzustellen und mit ihnen umzugehen. Diesen vielfältigen Formen der Interaktion gilt Frau Satjukows primäres Interesse. Sie entfaltet ein breites Panorama von alltäglichen und außeralltäglichen Beziehungen und Verhaltensweisen, die trotz einiger Konstanten im Lauf der Jahrzehnte deutlichen Veränderungen unterlagen.

          Die ersten Jahre der Besetzung mit einer chaotischen Präsenz "der Russen" sind vergleichsweise gut bekannt. Entsprechend einem "archaischen" Verständnis der Sieger von ihrer Rolle war alles frei verfügbar, und die Besiegten waren rechtlos. Das führte vor Ort oft zu unhaltbaren Zuständen. Das Jahr 1947 charakterisiert die Autorin daher als "Perestrojka", weil hier die Entflechtung und konsequente Trennung der sowjetischen Truppen von der einheimischen Bevölkerung, der Rückzug in abgezäunte Stadtviertel, Kasernen oder in die "Russenstädtchen" begann, der fortan das Gesamtbild prägte. Das Stationierungsabkommen von 1957 kodifizierte formal den rechtlichen und politischen Status der Truppen in der DDR. Aus der Normierung von Grenzen und Sphären leitet Satjukow Ansätze einer "sozialpsychologischen Normalisierung des Miteinanders" ab, die im Sinne "eines von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort differierenden und dennoch vertrauten Umgangs" im zweiten Teil des Buches genauer untersucht werden.

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