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: Freispruch?

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Wer schon kennt den "Oberleutnant Schulz"? Bestenfalls im Zusammenhang mit dem "Buchrucker-Putsch" - aber was war der eigentlich? Der Sohn dieses Oberleutnants macht sich anheischig, ein Bild seines Vaters zu entwerfen, das ihm zu einem wahrhaft gigantischen Unternehmen von vier dicken Bänden gerät.

          Wer schon kennt den "Oberleutnant Schulz"? Bestenfalls im Zusammenhang mit dem "Buchrucker-Putsch" - aber was war der eigentlich? Der Sohn dieses Oberleutnants macht sich anheischig, ein Bild seines Vaters zu entwerfen, das ihm zu einem wahrhaft gigantischen Unternehmen von vier dicken Bänden gerät. Was bisher höchstens als historische Randnotiz durchging, wird hier zum Ereignis. Ganz nebenbei erfährt man, dass der Buchrucker-Putsch gar keiner war und dessen engster Mitarbeiter davon nichts wissen konnte, weil er sich in den kritischen Tagen in Berlin befand, fest entschlossen, die "schwarzen" Grenzschutzverbände der Seecktschen Reichswehr anzudienen, die in den kritischen September- bis Novembertagen des Jahres 1923 ebenso oft zum Putsch entschlossen schien, wie sie diesen dann doch verwarf. Und mittendrin steckte Schulz! Ein bloßes Rädchen im Getriebe, das ihn zu zerquetschen drohte.

          Unter dem merkwürdigen Pseudonym "Alexander Dimitrios" hat der Sohn des historischen Paul Schulz eine monumentale deutsche Geschichte geschrieben, gleichsam von außen gesehen, quer zu allen üblichen Deutungen. Insbesondere das als "rechts" bezeichnete Spektrum der Geschichte gerät in den Mittelpunkt, also unter anderem die "Schwarze Reichswehr", die "Organisation Consul", die jahrelang sich hinziehenden "Femeprozesse", die Schulz immer wieder in jene Ecke trieben, die von Hitler und Kumpanen besetzt wurde. Schon sehr früh entschied sich Schulz für den sozialen Flügel der Partei, und genau dies hätte ihn am 30. Juni 1934 fast das Leben gekostet: Sein Bericht über "Meine Erschießung am 30. Juni 1934" liest sich noch heute abenteuerlich, aber sein Sohn macht plausibel, dass sie nicht erfunden war. Sie ist bis heute eine wertvolle Quelle zum Verständnis des frühen Nationalsozialismus und viel zu wenig bekannt.

          Oberleutnant Schulz war typisches politisches Strandgut des Ersten Weltkrieges, und sein Beitrag zum Grenzschutz, vornehmlich im Osten des Reiches, war beträchtlich. In seinem Selbstverständnis immer loyaler Reservist der Reichswehr, wurde er von deren politischen Gegnern diffamiert und ausgegrenzt. Sein Sohn macht unter Beibringung eines schier überwältigenden Materials aus vielen bekannten, aber auch einigen unbekannten Quellen deutlich, dass man diesen "Oberleutnant Schulz" tatsächlich eher als Opfer denn als Täter während der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus sehen muss. Das fällt durchaus schwer; die Akten- und Belegfülle in diesen vier Bänden macht die Revision des standardisierten Urteils zum "Oberleutnant Schulz" zwingend.

          MICHAEL SALEWSKI

          Alexander Dimitrios: "Weimar und der Kampf gegen ,rechts'". Eine politische Biographie. Verlag Dr. Paul Schulz, Ulm 2009. 1752 S., 39,- [Euro].

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