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: Fern von der Front, nah am Verbrechen

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In den neunziger Jahren reagierte das Münchener Institut für Zeitgeschichte auf die umstrittene erste "Wehrmachtsausstellung" mit einem eigenen Projekt: "Wehrmacht in der NS-Diktatur". Im vierten und letzten Band der daraus entstandenen hochgelobten Publikationsreihe untersucht Christian Hartmann fünf Divisionen beim Beginn des "Unternehmens Barbarossa": die 1938 in Würzburg aufgestellte 4.

          In den neunziger Jahren reagierte das Münchener Institut für Zeitgeschichte auf die umstrittene erste "Wehrmachtsausstellung" mit einem eigenen Projekt: "Wehrmacht in der NS-Diktatur". Im vierten und letzten Band der daraus entstandenen hochgelobten Publikationsreihe untersucht Christian Hartmann fünf Divisionen beim Beginn des "Unternehmens Barbarossa": die 1938 in Würzburg aufgestellte 4. Panzerdivision, die sich als Eliteverband verstand und in "der feudalisch geprägten Tradition der Kavallerie-Regimenter verhaftet" war; die 1938 aus Einheiten des österreichischen Bundesheeres in Linz zusammengestellte 45. Infanteriedivision; die 1940 auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr hastig zusammengewürfelte 296. Infanteriedivision; die aus einer Landwehrdivision in Breslau 1941 hervorgegangene 221. Sicherungsdivision, die im frontfernen Hinterland auch als Besatzungsbehörde fungierte; schließlich der 1939 in Münster gebildete Korück 80 (Abkürzung für: Kommandant des rückwärtigen Armeegebiets) als Besatzungsverband im frontnahen Hinterland. So bekommt Hartmann immerhin etwa 100 000 der über 17 Millionen Angehörigen der Wehrmacht in den Blick.

          Der Autor vergleicht die Divisionen miteinander, um den Charakter des Ostkrieges 1941/42 näher zu bestimmen. In diesem Zusammenhang interessiert ihn beispielsweise "das große Feld der Auszeichnungen". Da jede Armee äußerlich die Uniformierung und Vereinheitlichung ihrer Angehörigen anstrebe, müsse bei Soldaten wiederum das Bedürfnis nach Honorierung und Kennzeichnung ihrer individuellen Leistung wachsen. In der Wehrmacht gab es praktisch keine Auszeichnungen, die nur bestimmten Dienstgraden oder Dienstgradgruppen vorbehalten waren. Theoretisch konnte jeder Soldat auch jeden Orden erhalten. Die Verleihung erforderte eine schriftliche Stellungnahme des zuständigen Vorgesetzten. Die Verleihungspraxis nimmt Hartmann unter die Lupe. Von den drei untersuchten Kampfdivisionen war die 45. Infanteriedivision die "unsozialste", weil hier die Offiziere die meisten Eisernen Kreuze erhielten. Die 4. Panzerdivision war aus Sicht ihrer Veteranen die "höchstdekorierte Division des Heeres im 2. Weltkrieg": 72 Ritterkreuze, 10 Ritterkreuze mit Eichenlaub, ein Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern sowie ein Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes.

          Orden waren ein Mittel der Information, "die knappste Form des militärischen Rapports", mithin "symbolische Gratifikation" von Leistungen. Doch solche Medaillen hätten ihre Kehrseiten, weil sie "gewissermaßen auf dem Rücken der Gegner erkämpft werden". Diese fänden sich in Ordensbegründungen oft als "abstrakte Zahl: drei gegnerische Soldaten wurden überwältigt, getötet und eingebracht". Daher würden Orden militärische Tugenden wie Einsatzbereitschaft, Kameradschaft und Tapferkeit, aber auch "Gewalt, Vernichtung sowie Grenz- und Extremerfahrungen, manchmal sogar Verbrechen" dokumentieren. Dass die Zahl der Verleihungen bis 1945 kontinuierlich stieg, war "weniger Ausdruck einer Inflationierung", sondern entsprach "Länge und auch Härte des Krieges".

          Eindringlich schildert Hartmann auf 150 Seiten im Kapitel "Krieg (1941/42)" Aufmarsch, Durchbruch, Bewegungskrieg und Stellungskrieg der fünf Verbände. Im Dezember 1941 verlor der Kommandeur der 4. Panzerdivision die Nerven. Vor Offizieren seines Stabes brüllte er mit Bezug auf Hitler: "Der Mann hat uns verraten, keiner von uns wird lebendig aus diesem Sauland herauskommen." Hartmann fragt in dem 300 Seiten umfassenden Kapitel "Verbrechen" danach, wie groß die Bereitschaft der gewöhnlichen Soldaten und ihrer Vorgesetzten war, "moralische und rechtliche Standards zu ignorieren". Und er will wissen, unter welchen Bedingungen es zu Kriegsverbrechen oder rassenpolitischen NS-Verbrechen kam.

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