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: Explosive Thesen, empirische Mängel

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Kein politisches Buch der vergangenen Jahre hat in den Vereinigten Staaten so viel Kritiken, Polemiken und Schmähschriften hervorgerufen wie dieser frontale Angriff von zwei angesehenen amerikanischen Politikwissenschaftlern von den Universitäten Chicago (Mearsheimer) und Harvard (Walt) auf den Einfluss der Israel-Lobby in Amerika.

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          Kein politisches Buch der vergangenen Jahre hat in den Vereinigten Staaten so viel Kritiken, Polemiken und Schmähschriften hervorgerufen wie dieser frontale Angriff von zwei angesehenen amerikanischen Politikwissenschaftlern von den Universitäten Chicago (Mearsheimer) und Harvard (Walt) auf den Einfluss der Israel-Lobby in Amerika. Dieser Einfluss laufe, so die Autoren, dem nationalen Interesse Washingtons, sogar dem Interesse Israels zuwider. Inzwischen wehren sich die angegriffenen Autoren mit langen Verteidigungen gegen ihre Kritiker: Nein, sie seien keine Antisemiten. Antisemitismus sei grauenhaft. Dieser Vorwurf sei, so die Autoren in einem Interview mit dieser Zeitung, als ob man sie als Rassisten oder Kinderschänder bezeichnen würde. Nein, sie seien keine Antizionisten, sie stellten das Existenzrecht Israels nicht in Frage. Nein, sie seien keine Verschwörungstheoretiker, sie handelten von einer Gruppe in den Vereinigten Staaten, die ganz offen und außerordentlich erfolgreich als Lobby agiere. Es gehe um eine lose, aber höchst effektive Koalition von Organisationen und Individuen, deren erklärtes Ziel es sei, die amerikanische Außenpolitik in eine proisraelische Richtung zu beeinflussen - unterstützt von christlichen Apokalyptikern, den christlichen Zionisten, die inzwischen einen milliardenschweren Untergangstourismus in das Heilige Land organisieren. Nein, sie hätten nie behauptet, dass diese Lobby sich in allen Fällen durchsetze oder gar "allmächtig" sei. Dennoch wisse jeder, dass diese Lobby "sehr mächtig" sei, man dürfe das nur nicht sagen. Nein, sie würfen den Juden in Amerika nicht vor, Fremde in der Diaspora und vaterlandslose Amerikaner zu sein.

          Wenn alle diese Anschuldigungen der Kritiker nach Ansicht der Autoren falsch sind, was sind dann die Kernaussagen dieser Streitschrift? Ausgangspunkt der Kritik der beiden Professoren an der Israel-Lobby ist nicht die amerikanische Innenpolitik, sondern die Vision der beiden Politikwissenschaftler über eine strategische Alternative zu der aus ihrer Sicht völlig gescheiterten und kontraproduktiven Außenpolitik ihres Landes im Nahen Osten. Beide haben den Irak-Krieg von Beginn an für einen massiven Fehler gehalten. Statt wie die Regierung Bush der Chimäre einer "regionalen Transformation" mit militärischen Mitteln nachzujagen, das heißt einer gewaltsamen Verwandlung nichtdemokratischer Regime, sollten die Vereinigten Staaten - so die beiden Vertreter einer "realistischen" Außenpolitik - in dieser Region allein ihre strategischen Interessen verteidigen. Dies bedeute, den Fluss des Öls aus dieser Region auf dem Weltmarkt zu sichern, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu verhindern und den Terrorismus einzudämmen. Diese Ziele könnten nur erreicht werden, wenn alle amerikanischen Truppen aus der Region umgehend abgezogen würden. Das würde schlagartig den Antiamerikanismus in der arabischen Welt vermindern.

          Nur für den Bedarfsfall sollte amerikanisches Zerstörungspotential zu Wasser und in der Luft in Bereitschaft gehalten werden (offshore balancing). Auf alle Konflikte in dieser Region, auch auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, müsse Washington mit den klassischen Mitteln des politischen Realismus reagieren, mit der Strategie der Machtbalance und dem Prinzip "teile und herrsche". Im Rahmen jenes Entwurfes einer alternativen Strategie lautet eine Kernaussage der beiden Autoren, die Existenz Israels sei nicht von strategischer Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Washington sei zwar weiterhin verpflichtet, Israels Existenz zu sichern, aber nicht aus strategischen, sondern aus moralischen Gründen, die schon für Präsident Truman bei der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 ausschlaggebend gewesen waren. Die Politik einer strategischen Balance der Vereinigten Staaten zwischen Israelis und Palästinensern werde jedoch - so die beiden Autoren - durch die Israel-Lobby in Amerika verhindert. Sie tue alles, um zu verhindern, dass Israel wie jeder andere Staat der Welt behandelt werde, als ein "normaler Staat" im Rahmen globaler, strategischer Interessen Washingtons. Stattdessen versuche sie, mit allen Mitteln des Lobbyismus eine "Sonderbeziehung" zwischen den Vereinigten Staaten und dem Staat Israel aufrechtzuerhalten. Man müsse Israel von der Wirtschafts- und Militärhilfe entwöhnen. Das Land müsse sich, im Tausch gegen einen dauerhaften Frieden, aus "fast" allen Territorien zurückziehen, die es im Jahr 1967 besetzt habe, die expansive Sicherheitspolitik beenden und sich mit den Palästinensern über die Rechte der vertriebenen Palästinenser einigen. Man müsse Israel vor die Wahl stellen, entweder die sinnlose Besetzung des Westjordanlandes zu beenden und ein enger Verbündeter Amerikas zu bleiben oder als Kolonialmacht allein dazustehen.

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