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: Erzwungener Massenexodus

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Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. 300 Seiten. 18,90 [Euro].Die vom Bund der Vertriebenen (BdV) gewünschte Errichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" stand erst jüngst wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Micha Brumlik hat ...

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          Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen. Aufbau-Verlag, Berlin 2005. 300 Seiten. 18,90 [Euro].

          Die vom Bund der Vertriebenen (BdV) gewünschte Errichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" stand erst jüngst wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Micha Brumlik hat dem Problem von Flucht und Vertreibung und dem Plan des BdV eigens eine Streitschrift gewidmet, um aus "staatsbürgerlicher Selbstverständigung" für eine "verantwortungsvolle Erinnerungskultur" zu plädieren.

          Vom Spannungsaufbau her nicht sonderlich geschickt, verkündet der Autor dem interessierten Leser gleich zu Beginn seine Schlußfolgerung, das "befürwortete Zentrum gegen Vertreibungen nicht als nationales Erinnerungs- und Trauerprojekt, sondern, dem Vorschlag der Bundesregierung folgend, als transnationales Projekt" zu verwirklichen. Eigentlich könnte man damit das Buch schon wieder beiseite legen, würden nicht noch fast 300 Seiten folgen. So lang ist normalerweise keine Streitschrift, und tatsächlich setzt sich Brumlik nur im ersten Teil seiner Abhandlung mit dem eigentlichen Thema dezidiert auseinander; im zweiten Abschnitt verliert er es zusehends aus den Augen. Die Behandlung des Kriegstraumas in der deutschen Belletristik etwa stellt eher ein Randproblem dar, während die langatmigen Ausführungen zur Frage von Schuld und Versöhnung sowie zum höchst fragwürdigen Zusammenhang des palästinensischen Flüchtlingsproblems mit Flucht und Vertreibung der Deutschen nicht wirklich zielführend sind.

          Gleichwohl ist Brumlik vorbehaltlos zuzustimmen, wenn er wiederholt auf die unumstößliche consecutio temporum verweist. In der Tat war es der nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungskrieg, der Flucht und Vertreibung von circa 11,5 Millionen Deutschen mit insgesamt 2,25 Millionen Toten auslöste. Ihrer Tragödie waren indes die fortgesetzte Verschleppung und Vernichtung der slawischen und vor allem jüdischen Bevölkerung, im Grunde seit 1939, vorausgegangen. Daß der erzwungene Massenexodus kein Genozid war, obwohl die Vertriebenen ihr furchtbares Schicksal oft so deuteten und den noch unmittelbar zuvor praktizierten Holocaust darüber vergaßen beziehungsweise verdrängten, ist ebenso zutreffend. Problematischer ist hingegen seine dezidierte Feststellung, daß Polen und die Tschechoslowakei letztlich nur ausführende Staaten der Vertreibung waren, die eigentliche Entscheidung jedoch schon zuvor von allen Alliierten getroffen worden sei. Das ist zwar grosso modo richtig, unterschlägt aber die nicht unbeträchtliche Rolle der polnischen und tschechischen Exilregierungen bei diesem Entscheidungsprozeß und minimiert die Absicht der Westalliierten, den Bevölkerungstransfer in "humaner Weise" durchzuführen. Daß dies nun keineswegs so geschah, ist hinlänglich bekannt. Selbst die Rote Armee hat während der zweiten Vertreibungswelle ab 1945/46 Deutsche, die ihre Heimat verlassen mußten, gelegentlich noch vor Polen und Tschechen schützen müssen. Keine Vertreiberstaaten? Da ist der Autor merkwürdig zurückhaltend.

          Nicht so freilich, wenn es um die "Charta der Heimatvertriebenen" aus dem Jahre 1950 geht. Für ihn stellt sie nichts anderes als "eine - im vermeintlichen Verzicht um so stärker gewünschte - Rache, von Selbstmitleid und Geschichtsklitterung getragene, ständestaatliche, völkisch-politische Gründungsurkunde dar . . . Sie ist ein nachwirkender politischer und moralischer Skandal". Nun wird man heute den inzwischen von Pathos und Patina gezeichneten Text kritisch lesen müssen und die weitgehende Verdrängung des historischen Kontexts, des Genozids und die Selbststilisierung als eigentliche Opfer des Zweiten Weltkrieges nicht mehr hinnehmen können. Aber daß mit der Charta auch versucht wurde, die Hand zur Versöhnung auszustrecken, zu einem Zeitpunkt, als Flucht und Vertreibung noch nicht einmal abgeschlossen waren, sollte nicht bloß verächtlich abgetan werden. Und mag die Charta auch formell noch gültig sein, so sollte man ihre heutige politische Relevanz ebenfalls nicht überschätzen. Nach mehr als einem halben Jahrhundert ist sie inzwischen ein historisches Dokument und keine Blaupause mehr für Rückeroberung und Wiederbesiedelung.

          Doch einmal in dieser ausschließlich negativen Sicht befangen, vermag er auch in der Politik der Präsidentin des BdV (Erika Steinbach) nur "den mißglückten und in sich widersprüchlichen Versuch einer zeitgeistigen Modernisierung des von allem Anfang an unwahrhaftigen und politisch stets hoch gefährlichen Geschichtsbildes der Vertriebenenverbände" zu erkennen. Entsprechend lehnt Brumlik die Errichtung eines solchen Zentrums als bloße Geschichtsverdrehung und getarnten Revisionismus ab. Zweifellos wird man über dessen geographischen Ort, erinnerungsgeschichtliche Konzeption und museologische Ausgestaltung weiter streiten müssen.

          Sein Gegenvorschlag, am Sitz des Hohen Flüchtlingskommissars der UN in Lausanne eine internationale Gedenkstätte zu Vertreibungsverbrechen zu errichten, ist indes schlicht illusionär. Zudem geht es den ehemaligen Flüchtlingen und Vertriebenen und ihren Nachkommen gar nicht so sehr um eine nationale Gedenkstätte - das wird viel mehr von einigen polnischen und tschechischen Gazetten so kolportiert. Es geht ihnen vor allem um ihre Angehörigen, die infolge des nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungskrieges - auch - zu Opfern wurden. Natürlich muß ein solches Zentrum frei von jeder einseitigen historischen Interpretation sein, doch alles andere würden Öffentlichkeit und demokratische Kultur unseres Landes ohnehin nicht zulassen. Ihnen aber den berechtigten Wunsch dazu nach nunmehr 60 Jahren abzuerkennen ist nicht minder einseitig - ganz abgesehen davon, daß Flucht und Vertreibung der Deutschen bis heute die quantitativ größte Betroffenenzahl ausmachen.

          GÜNTHER HEYDEMANN

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