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: Erziehung zum Hass

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Die inzwischen auch von der Historikerzunft anerkannte Spezialdisziplin "moderne Militärgeschichte" richtet ihr Forschungsinteresse nicht nur auf die Kriegsgeschichte, sondern auch auf die Wechselbeziehungen zwischen Militär, Staat, Politik, Gesellschaft, Recht, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik.

          Die inzwischen auch von der Historikerzunft anerkannte Spezialdisziplin "moderne Militärgeschichte" richtet ihr Forschungsinteresse nicht nur auf die Kriegsgeschichte, sondern auch auf die Wechselbeziehungen zwischen Militär, Staat, Politik, Gesellschaft, Recht, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Dieser Sichtweise fühlt sich Matthias Rogg verpflichtet. Seine Studie über die Nationale Volksarmee (NVA) stützt sich auf eine Vielzahl bisher nicht ausgewerteter Quellen: Lage- und Stimmungsberichte der Politorgane der Volksarmee, zu DDR-Zeiten unter Verschluss gehaltene Meinungsumfragen und Interviews mit Zeitzeugen, deren Mitteilungsbedürfnis sich allerdings in Grenzen hält. Ausgewertet werden auch Lagebilder der in die Streitkräfte als "Abteilung 2000" integrierten MfS-Dienststellen. Sie verfügten Ende der achtziger Jahre in der NVA über ein Netz von 20 000 Inoffiziellen Mitarbeitern unter den Armeeangehörigen und Zivilbeschäftigten. Dort spitzelte also jeder Dreizehnte für die Stasi.

          Die DDR war eine der am nachhaltigsten militarisierten Gesellschaften der Neuzeit. Fast jeder fünfte DDR-Bürger im erwerbstätigen Alter stand entweder in den sogenannten bewaffneten Organen oder in paramilitärischen Organisationen in einem Erfassungs- und Mobilisierungsverhältnis. Rogg schlussfolgert deshalb: "Die Dominanz des militärischen Denkens und Handelns in der DDR zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in den Bemühungen, die Bevölkerung so umfassend wie möglich für alle Bereiche der Landesverteidigung zu mobilisieren und in diesem Sinn zu erziehen."

          Die militärpolitische Öffentlichkeitsarbeit sollte alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen, während die "sozialistische Wehrerziehung" auf die jeweiligen Stufen des staatlichen Erziehungssystems abgestimmt war. Dazu gehört auch die heute von SED-Kadern geleugnete Erziehung zum Hass, obwohl es dafür eine Fülle von Belegen gibt. Sie lieferte auch Karl-Eduard von Schnitzler, der als militärpolitischer Agitator vielfältig eingesetzte Chefkommentator des DDR-Fernsehens. Sein "Schwarzer Kanal" war Pflichtprogramm in den Kasernen. Der im Westen auch gern Sudelede genannte Schnitzler indoktrinierte in der ihm eigenen Weise: "Hass auf den imperialistischen Feind ist nichts Hässliches. Er ist aus der Liebe zum sozialistischen Vaterland geboren und gibt uns die Kraft, alles für seinen Schutz und seine Verteidigung zu tun." Für die Akzeptanz des Militärs in der Gesellschaft wirkten solche Sprüche nur kontraproduktiv.

          Das galt generell auch für die unvermeidliche öffentliche Wahrnehmung des miserablen Binnenklimas in der Armee. Die Unzufriedenheit der Wehrpflichtigen, der Zeit- und selbst vieler Berufssoldaten war groß. Sie klagten unter anderem über teilweise menschenunwürdige Unterkünfte, die sich meistens in abgelegenen Standorten befanden; das Verbot, Westmedien zu empfangen und Westkontakte zu unterhalten; den Uniformzwang in der Freizeit; die ständige Gefechtsbereitschaft oder über den Einsatz als billige "Leiharbeiter" in der Volkswirtschaft. Folgen des allgemeinen Frusts waren Alkoholismus und eine latente Gewaltbereitschaft innerhalb und außerhalb der Kasernen. Wirtshausschlägereien mit Zivilisten waren an der Tagesordnung. Das Vertrauensverhältnis zu Vorgesetzten war gestört. Verheirate Offiziere litten unter dem unzureichenden Wohnungsangebot, und deren berufstätige Ehefrauen fanden keine Beschäftigung in den abgelegenen Standorten. Dies trug unter den jüngeren Offizieren zu einer unerwünschten hohen Fluktuation bei.

          Rogg verschweigt nicht, dass es im mittleren Offizierskorps durchaus überzeugte Genossen gab, deren hohe Erwartungshaltung an "entwickelte sozialistische Beziehungen" in der "Armee des Volkes" jedoch herb enttäuscht wurde. Materiell privilegiert waren vor allem die Generäle und Obristen. Deren Wohnbedingungen waren für DDR-Verhältnisse luxuriös. Sie brauchten sich auch nicht um die häufig problembeladene Eingliederung der Berufssoldaten in den zivilen Arbeitsprozess bemühen. Positiv perzipierte die Zivilgesellschaft weitgehend die internationalen Erfolge der Armeesportler sowie den Einsatz in der Volkswirtschaft, in den "Ernteschlachten" und bei Katastrophen. Roggs differenzierter Befund lautet deshalb: "Die DDR-Gesellschaft war nicht grundlegend gegen das Militär, aber sie war gegen dieses Militär."

          Die bemerkenswert flüssig geschriebene Studie ist reichhaltig illustriert. Sie vermittelt dem Fachmann neue, bisher in den Archiven schlummernde Einblicke in den militarisierten DDR-Alltag. Sie ist trotz ihres Umfangs und ihres erschöpfenden wissenschaftlichen Apparates dem politisch interessierten Laien zu empfehlen. Hilfreich für die Lektüre ist das im Anhang beigefügte Glossar; nicht aufgenommen wurden die im Text erwähnten "Wandschweine". So hießen im Armee-Jargon die in den Unterkünften fest installierten und verplombten Lautsprecher. Sie sorgten für die Beschallung mit den "richtigen" Sendern und waren von der Stasi mit Wanzen ausgestattet.

          GUNTER HOLZWEISSIG

          Matthias Rogg: Armee des Volkes? Militär und Gesellschaft in der DDR. Christoph Links Verlag, Berlin 2008. 690 S., 39,90 [Euro].

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