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Erinnerungen : Flucht aus der Hölle

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Walter Rosenberg gelang die Flucht aus Auschwitz-Birkenau. Unter dem Namen Rudolf Vrba schrieb er einen Bericht für die Alliierten über das Vernichtungslager. Teile des Berichts wurden noch während des Kriegs vom BBC verbreitet. Rudolf Vrba hat jetzt seine Erinnerungen geschrieben.

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          Walter Rosenberg wurde 1924 in der Slowakei geboren, musste aber schon mit 15 Jahren das Gymnasium in Bratislava verlassen, weil das antisemitisch-hitlerhörige Tiso-Regime jüdische Kinder vom Besuch höherer Schulen ausschloss. Seine Versuche, nach Großbritannien zu entkommen, um sich den tschechischen Widerstandskämpfern im Exil anzuschließen, scheiterten. Im Frühjahr 1942 wurde er in das Konzentrationslager Majdanek deportiert und bald darauf als Funktionshäftling nach Auschwitz überstellt. Im April 1944 gelang ihm zusammen mit Alfred Wetzler die Flucht aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, nachdem sie sich drei Tage und zwei Nächte lang unter einem Holzhaufen verborgen hatten. Mit Unterstützung jüdischer Repräsentanten in Bratislava (Pressburg) berichteten die beiden Flüchtlinge dann in einer dreißigseitigen Aufzeichnung über die Organisation des Lagers und die Methode des Massenmords in den Gaskammern. Zu seinem und seiner Angehörigen Schutz nannte sich Rosenberg fortan Rudolf Vrba. Unter der Bezeichnung "Vrba-Wetzler-Bericht" ging dieser Erfahrungsbericht via Schweiz und Vatikan den westlichen Alliierten zu. Vorrangiges Ziel sei es gewesen, die laufenden und noch bevorstehenden Deportationen der ungarischen und tschechoslowakischen Juden in das Vernichtungslager Auschwitz mit Hilfe alliierter Intervention zu verhindern.

          Zu schrecklich, um wahr zu sein

          Doch manche Mitglieder des Judenrates in Bratislava bezweifelten Authentizität und Tragweite des Berichts: „Sie wollten uns nicht glauben, und das verüble ich ihnen auch nicht. Es war ihnen ja auch schon hoch anzurechnen, dass sie uns nicht als Verrückte oder Querulanten abtaten . . . Stundenlang diktierte ich meinen Zeugenbericht. Ich gab ihnen detaillierte Statistiken über die Zahl der Getöteten, ich beschrieb jeden Schritt des schrecklichen Betrugsmanövers“, mit dem über eine Million Menschen in die Gaskammern gelockt worden seien. „Ich erläuterte das System der Vernichtungsfabrik und seine kommerzielle Seite, die riesigen Profite, die man mit dem geraubten Gold machte, dem Schmuck, dem Geld, der Kleidung, den künstlichen Gliedmaßen, den Brillen, den Kinderwagen und dem Menschenhaar, mit dem man Torpedoköpfe abdichtete. Ich wies darauf hin, dass man sogar die Asche der Toten als Dünger benutzte. Ich zeichnete das gesamte grausige Bild und gab den Judenältesten die Informationen, die ich so lange so sorgsam gesammelt hatte.“

          Nach dem Krieg

          Am 16. Juni 1944 war das amerikanische Außenministerium durch Allen Dulles, den Residenten des amerikanischen Geheimdienstes in Bern, unterrichtet, zwei Tage später verbreitete der britische Rundfunk (BBC) Details aus dem Bericht. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Rudolf Vrba dann Chemie und Biochemie in Prag. Bis 1958 war er bei der Akademie der Wissenschaften und an der Karls-Universität Prag tätig. Dann emigrierte er über Israel und England nach Kanada, wo er Pharmakologie an der Universität Vancouver lehrte. Dort verstarb er 2006. Seine Erinnerungen an Auschwitz sind 1963 zunächst in Großbritannien (I Cannot Forgive) und in den Vereinigten Staaten publiziert worden. Als 1964 die erste deutsche Übersetzung erschien, blieb die Rezeption in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit verhalten. Umso mehr sei der nunmehr vorliegenden und erweiterten Auflage eine weite Verbreitung zu wünschen.

          Rudolf Vrba: Ich kann nicht vergeben. Meine Flucht aus Auschwitz. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier und Brigitte Walitzek. Mit einem Vorwort von Beate Klarsfeld. Schöffling Verlagsbuchhandlung, Frankfurt am Main 2010. 496 Seiten, 28 Euro.

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