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Erich Ludendorff : In der Hölle der Materialschlachten

  • -Aktualisiert am

Erich Ludendorff (1865-1937) Bild: dpa

Erich Ludendorff kämpfte im Ersten Weltkrieg einen aussichtslosen Kampf. War er Deutschlands Verhängnis?

          Biographien, sosehr das Publikum sie liebt, sind in der deutschen Geschichtswissenschaft - anders als etwa in der angelsächsischen - nie eine besonders hoch geschätzte historiographische Gattung gewesen. Gleichwohl werden sie glücklicherweise geschrieben, wenn man auch manchmal lange warten muss. Fast einhundert Jahre nachdem Erich Ludendorff weithin sichtbar die Bühne der Geschichte betreten hatte, hat nun der Dresdner Historiker Manfred Nebelin die erste großdimensionierte (500 Seiten Text und fast 200 Seiten Anmerkungen), professionell aus der Gesamtheit der verfügbaren Quellen erarbeitete Biographie des „Feldherrn des Weltkrieges“ - wie ihn seine Bewunderer nannten, solange es noch welche gab - vorgelegt.

          Sieht man genau hin, sind es dann freilich doch nur die Kriegsjahre (das Buch endet mit der Flucht Ludendorffs nach Schweden im November 1918), ergänzt durch die sehr willkommene Darstellung des atemberaubend raschen Vorkriegsaufstiegs des ehrgeizigen jungen Offiziers bürgerlicher Herkunft bis in die Schlüsselposition des Chefs der Aufmarschabteilung des Großen Generalstabs. Eine Zwei-Drittel-Biographie also, vor allem aber ein Beitrag zur Geschichte des Ersten Weltkrieges.

          Nebelin zerbricht sich denn auch nicht allzu sehr den Kopf darüber, wie man heutzutage als Historiker das Projekt einer Biographie angehen sollte. Er schreibt sein Ludendorff-Buch, und das ist eher gut so, mit einer gewissen konzeptionellen Unbefangenheit; stets, das ist einer der Vorzüge des Buches, sehr nah an den in eindrucksvoller Fülle aufgespürten und ausgewerteten Quellen; organisiert um die großen historischen Entscheidungskonstellationen, in denen Ludendorff eine Schlüsselrolle gespielt hat - die Heeresvermehrung von 1913; das Ringen mit Falkenhayn um die Strategie auf dem östlichen Kriegsschauplatz in den Jahren 1914 bis 1916; die Ablösung Falkenhayns als Chef des Generalstabs im August 1916; den Entschluss zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg und den Sturz des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg 1917; schließlich die „Ludendorff-Offensive“ im Frühjahr 1918, die letzte gewaltige Kraftanstrengung Deutschlands, die den Sieg erzwingen sollte und in der Niederlage endete. Durchgehend ist der Autor um ein differenzierendes Urteil bemüht, eine Bemühung, die beim Gegenstand Ludendorff weder einfach noch selbstverständlich ist.

          Die Stärken des Buches, noch einmal, liegen in seiner Quellennähe, in seinem Materialreichtum, im Detail. Aber gerade diese Stärken lassen auch eine Schwäche deutlich hervortreten. Es fehlt an bilanzierenden Reflexionen über die Kernfragen, die sich einem Ludendorff-Biographen stellen: Was ist über den „Feldherrn“ Ludendorff zu sagen? War Ludendorff wirklich ein „Diktator“? Trifft das Urteil, mit dem das Buch den Leser entlässt: Ludendorff eine deutsche „Verhängnisgestalt“?

          Es hat unter Kundigen nie einen Zweifel daran gegeben, dass Ludendorff, nicht Hindenburg der eigentliche Kopf der deutschen Kriegführung war. Nebelin bekräftigt diese Einschätzung. Auch macht er deutlich, dass Ludendorff Außerordentliches wohl eher als unerhört willens- und durchsetzungsstarker Organisator der deutschen Kriegsanstrengungen denn als strategischer Kopf geleistet hat. Gewiss: Tannenberg im Jahr 1914. Aber schon für die folgenden zwei Jahre im Osten stellt sich die Frage, ob in Ludendorffs Fixierung auf ein zweites, kriegsentscheidendes Tannenberg, ein gigantisches Cannae, nicht eine dogmatische Starrheit sichtbar wird. Und als Ludendorff 1916 dann die Gesamtverantwortung zufiel, musste auch er akzeptieren, dass es in dem mörderischen Stellungskrieg der Westfront im Grunde gar keinen Raum für operatives Denken und Handeln, für Strategie also, gab. Mehr als die Perfektionierung der Taktik - zunächst der Verteidigung und dann, 1918, des Angriffs - war in der Hölle der Materialschlachten nicht möglich.

          Das Urteil über das Vabanquespiel der Offensive von 1918 fällt im Allgemeinen hart aus. Auch Nebelin setzt da keinen anderen Akzent. Man wird freilich, um Ludendorff gerecht zu werden, zumindest fragen müssen, welche Alternativen zu diesem verzweifelten Versuch Deutschland 1918 denn noch hatte. In Paris und London gab es, jedenfalls seit die Regierungschefs Clemenceau und Lloyd George hießen, keinerlei Kompromissbereitschaft mehr. Man setzte auf Sieg und nichts als Sieg, gerade so wie Ludendorff. Sollte Deutschland kapitulieren, ohne besiegt zu sein? Vermutlich war das Kaiserreich seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in einer militärisch wie politisch aussichtslosen Lage. In aussichtslosen Lagen Entscheidungen zu treffen, die der Nachwelt einleuchten, ist schwierig.

          War er wirklich ein Diktator?

          Den „Diktator“ Ludendorff rückt Nebelin mit dem Untertitel des Buches ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber trifft der Begriff die Verhältnisse? Allenfalls für das eine Jahr zwischen dem Sturz Bethmann-Hollwegs im Juli 1917 und dem Scheitern der großen Offensive im Westen hat er eine gewisse Plausibilität. Durchgehend gilt, dass Ludendorff nur so lange mächtig war, wie Hindenburg zu ihm stand. Bis zum Scheitern Bethmann-Hollwegs war zudem der Kaiser vor allem in den entscheidenden Personalfragen in einem keineswegs nur formalen Sinn die letzte Instanz. Am hartnäckigen und lange erfolglos geführten Kampf Ludendorffs zuerst gegen Falkenhayn und dann gegen Bethmann-Hollweg zeigt Nebelin das selbst auf. Auch an den Reichstag, die Gewerkschaften, die süddeutschen Staaten ist zu denken, wenn man sich ein Urteil über die Machtverhältnisse im Deutschland der Kriegsjahre bilden will. Ludendorff war vorübergehend der mächtigste Mann in Deutschland, ein Diktator, lässt man dem Begriff seine präzise Bedeutung, war er nicht.

          Schließlich: die „deutsche Verhängnisgestalt“ Ludendorff. Das Wort verweist auf das deutsche Verhängnis, auf Hitler also. War Ludendorff ein Wegbereiter Hitlers? Anders als Hindenburg hat Ludendorff nach 1918 keine richtungsweisende Entscheidung mehr getroffen, auch 1933 nicht. Die Last, die Ludendorff, sekundiert von Hindenburg, mit der Erfindung der Dolchstoßlegende - der schäbigen Weigerung einzugestehen, dass Deutschland den Krieg militärisch verloren hatte -, der Republik aufbürdete, hat fraglos zu ihrem Scheitern beigetragen. Aber die Formel von der deutschen Verhängnisgestalt meint doch wohl mehr. Was sie meint, wird bei Nebelin schon deshalb nicht ganz klar, weil der Ludendorff der Jahre 1918 bis 1937 bei ihm nicht mehr auftritt.

          Was immer über Ludendorffs aktive Mitwirkung am deutschen Verhängnis zu sagen ist: Mit seiner radikalen Wirklichkeitsverweigerung bis zum bitteren Ende, seinem Unverhältnis zur Politik als Kunst zur Bewahrung des Friedens nach innen wie nach außen, seinem Geschichtsbild, in dem er das Leben der Völker nur als Gegeneinander, nie als ein Miteinander denken konnte, stellt sich Ludendorff jedenfalls als herausragende Symbolfigur des Absturzes Deutschlands in jene extreme politische Irrationalität dar, die eine der Bedingungen der Möglichkeit Hitlers war. Das anschaulich vor Augen zu führen, ohne Ludendorff zu dämonisieren, ist eine beachtliche Leistung von Nebelins Buch.

          Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2011. 752 Seiten, 39,99 Euro.

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