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: Entweder wir oder der Bürgerkrieg

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Zoran Djindjic. Serbien in Europa. Interviews und Texte aus den Jahren 2000 bis 2003. Novinska Agencija Tanjug, 2004.Er könne sich kaum ein Serbien mit loyalen Kosovo-Albanern vorstellen, sagte der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic in einem fünf Tage vor seiner Ermordung erschienenen ...

          Zoran Djindjic. Serbien in Europa. Interviews und Texte aus den Jahren 2000 bis 2003. Novinska Agencija Tanjug, 2004.

          Er könne sich kaum ein Serbien mit loyalen Kosovo-Albanern vorstellen, sagte der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic in einem fünf Tage vor seiner Ermordung erschienenen Gespräch mit einer Belgrader Tageszeitung, in dem er zur Zukunft des formal zu Serbien gehörenden UN-Protektorats befragt worden war. In seinen letzten Lebensmonaten hatte er sich des Themas in immer schärferen Tönen angenommen. So forderte er von der Staatengemeinschaft, daß unverzüglich mit Gesprächen über den endgültigen Status der Provinz zu beginnen und serbischen Sicherheitskräften die Erlaubnis zu geben sei, wieder dorthin zurückzukehren. Er erntete damit zwar den Vorwurf, dies aus wahltaktischen Überlegungen getan zu haben, denn Serbiens Nationalistenführer Vojislav Seselj, angeklagt vom Haager Kriegsverbrechertribunal, hatte das Land gerade verlassen, sein Wählerreservoir schien verwaist. Doch legte Djindjic mit seinen Forderungen durchaus einen schwachen Punkt bloß, nämlich die Ratlosigkeit der Vereinten Nationen und der relevanten Hauptstädte über die Frage, wie mit dem Krisengebiet zu verfahren sei.

          Das zitierte Interview findet sich in einem von der staatlichen serbischen Nachrichtenagentur Tanjug (unter anderem mit der Unterstützung eines einst Djindjic nahestehenden einheimischen Großunternehmers) im vergangenen Jahr herausgegebenen Buch mit Interviews, Reden, Artikeln und Aufsätzen des Belgrader "Chefreformers", das unlängst in kleiner Auflage auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Zwar ist das Buch nicht als Biographie des am 12. März vergangenen Jahres Ermordeten zu lesen, denn kritische Töne finden sich, außer in einigen Journalistenfragen, darin nicht. Ein weiterer Beitrag zur Verherrlichung von Serbiens Reformikone ist der Band aber auch nicht. Denn auf den knapp 350 Seiten, die um ein Personen- und Sachregister ergänzt sind, wird nicht nur Djindjics unbestrittene intellektuelle Scharfsicht deutlich, es treten auch - keinesfalls nur zwischen den Zeilen - einige der Widersprüche hervor, in die er sich verstrickt hatte.

          Eines der aufschlußreichsten Gespräche verdankt das Buch dem Wiener Publizisten und Balkan-Fachmann Paul Lendvai, der Djindjic knapp ein Jahr nach der unvollkommenen Umwälzung in Belgrad minutiös zum Verlauf jener Oktobertage des Jahres 2000 befragte, die das Ende der Herrschaft Milosevics bedeuteten. Die Analyse der Tage, die Serbien erschütterten, ist keineswegs nur von historischem Interesse, denn was damals getan und unterlassen wurde, wirkt noch immer in die serbische Gegenwartspolitik hinein. Es gilt mittlerweile als Axiom, daß dem 5. Oktober 2000, dem Tag der Erstürmung des Parlaments in Belgrad und des äußerlichen Zusammenbruchs von Milosevics Regime, ein revolutionärer 6. Oktober hätte folgen müssen - die Auflösung alter Machtstrukturen in der serbischen Polizei und in ihren paramilitärischen Sondereinheiten, in den Geheimdiensten, den Ministerien, der Armee. Dies unterblieb, und daraus leiten sich viele der Schwierigkeiten her, vor denen Serbien bis heute steht.

          Djindjic bekräftigt im Gespräch mit Lendvai, daß die von ihm geführte Opposition in den entscheidenden Herbsttagen auch eine bewaffnete Auseinandersetzung nicht gescheut hätte ("entweder geht er, oder es entsteht ein Bürgerkrieg"). Man habe die Parole ausgegeben, daß die eigenen Leute nicht zuerst schießen sollten, "aber wenn geschossen wird, sollen sie zurückschießen", beschreibt Djindjic ein Treffen der Oppositionsführer zwei Tage vor dem 5. Oktober. Vojislav Kostunica, damals Gegenkandidat der Opposition zu Milosevic bei den Wahlen zum Präsidenten Jugoslawiens (Serbien und Montenegro), habe die Sitzung seinerzeit irritiert verlassen, erinnerte sich Djindjic. Der "Revolutionsmanager" berichtete auch von seiner Furcht, daß eine kleine Gruppe von Milosevics Anhängern entschlossen Gewalt gegen die Demonstranten anwenden und sich eine Massenhysterie ausbreiten werde, "wenn so zehn, zwanzig Leute umgebracht werden. Die Frage ist, wie sich dann 100 000 Leute verhalten? Wir wußten, daß Milosevic nicht auf die Masse der Polizisten rechnen kann, aber es würde genügen, hundert Leute zu haben, die dann gezielt hundert Leute abknallen", so Djindjic, der in Gesprächen gern von kühler Ratio zu burschikoser Ausdrucksweise wechselte.

          Seine politischen Gegner und deren Wählerschaft konnte Zoran Djindjic treffend analysieren (als "pseudotraditionalistisch, aber eigentlich ohne Bezug zur Tradition" bezeichnet er den serbischen Nationalismus der Anhänger von Milosevic und des heutigen Außenministers Vuk Draskovic), sich selbst nicht. Als stellvertretend für seine Irrtümer kann seine Selbsteinschätzung dazu gelesen werden, daß er stets ein richtig handelnder, nicht unbedingt ein beliebter Politiker habe sein wollen: "Sie können sich anpassen und den Leuten sagen, was sie gerne hören, aber dann mitverantwortlich sein oder sich unbeliebt machen und sagen, was Sie für richtig halten, und ich habe das immer getan und bin am Leben geblieben, obwohl das nicht immer so sicher war."

          MICHAEL MARTENS

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