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: Entlarvung als Lachnummer

  • Aktualisiert am

Die Konkurrenz ist groß um den Preis für die abenteuerlichste Erklärung der Terroranschläge in New York und Washington. Mit seinem jüngsten Buch „Die CIA und der 11. September“ hat ihn Andreas von Bülow gewonnen.

          Andreas von Bülow: Die CIA und der 11. September. Internationaler Terror und die Rolle der Geheimdienste. Piper Verlag, München 2003. 272 Seiten, 13,- [Euro].

          Die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Alarmrufe über die irakischen Massenvernichtungsmittel vor Beginn des Krieges gegen das Regime Saddam Husseins unterliegt gegenwärtig einer raschen Erosion. Sie hat inzwischen auf den amerikanischen "Krieg gegen den internationalen Terrorismus" übergegriffen. Dessen Ziele und Konzepte wurden von Anfang an nicht nur mit Zustimmung, sondern auch mit zum Teil heftiger Kritik bedacht, besonders vehement etwa von der indischen Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy. Verbindet sich solche Fundamentalkritik mit dem Verdacht, die verantwortlichen Politiker und ihre Zuarbeiter-Dienste würden die Öffentlichkeit bewußt an der Nase herumführen, kann man darauf rechnen, daß sich sehr bald die Büchse der Verschwörungs-Pandora auftut. Denn dann fühlen sich manche Zeitgenossen mit einer etwas schräg eingestellten Phantasie der Versuchung nicht länger gewachsen, den kritisierten Zuständen und den verabscheuten Personen ganz, aber auch wirklich ganz andere Erklärungen und Motive zu unterlegen. Wir haben es hier sozusagen mit einer polit-anthropologischen Konstante zu tun; es liegen Beispiele aus allen Zeiten und Kulturen vor. Seit es jedoch das Internet gibt, ist aus der Büchse der Pandora ein riesiges Faß geworden - eines ohne Boden freilich.

          Diesem Faß entspringen ohne absehbares Ende jede Menge Theorien (im Sinne von Hirngespinsten) über die "wahren Vorgänge" am 11. September 2001. Es gibt mittlerweile in den Vereinigten Staaten selbst und weltweit eine emsig vernetzte Verschwörungsgemeinde mit eigenen Publikationsorganen, Schwätz-Räumen und immer im Entlarvungs-Furor. Überscharfe kriminalistische Energie verbindet sich da mit Monomanie und Antiamerikanismus. Zuweilen finden sich auch Einsprengsel empirisch fundierter Skepsis gegenüber der offiziellen Darstellung der Ereignisse am 11. September 2001 und ihren Ungereimtheiten. Wenn etwa auf die Mitverantwortung der Vereinigten Staaten für den Aufstieg Usama Bin Ladins und seiner fundamental-islamischen Terroristen verwiesen wird, ist das nicht ganz ohne Berechtigung.

          Die Linie zwischen diskussionsfähiger Kritik und politischem Wahn wird indes immer dann überschritten, wenn ein in seinen Umrissen gigantisches Verschwörungswerk hinter den Ereignissen gesehen und als Prämisse aller Erklärungen herangezogen wird. Publizistisch geschickt agieren die selbsternannten Verschwörungs-Jäger mit dem opaken Slogan vom "inszenierten Terrorismus". Das zieht schlichte, politisch verletzte oder paranoische Gemüter an. Als vor ein paar Wochen im Auditorium Maximum der Humboldt-Universität in Berlin eine Veranstaltung mit diesem Titel stattfand, konkurrierte gleich ein halbes Dutzend Vortragender um den Preis der abenteuerlichsten Erklärung für die Terroranschläge in New York und Washington.

          Diesen Preis hat Andreas von Bülow gewonnen, der auch mit auf dem Podium saß. Die in seinem jüngsten Buch ausführlich präsentierte Entlarvung basiert auf dem Muster "Die Werke Shakespeares wurden nicht von Shakespeare verfaßt, sondern von einem anderen Autor mit gleichem Namen". Bülow, von 1976 bis 1980 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und von 1980 bis 1982 Bundesminister für Forschung und Technologie, verdichtet seine Zweifel an der amerikanischen Darstellung der Terror-Anschläge und seine schier unüberbietbare Geheimdienst-Dämonologie zu folgenden Hauptthesen: (1) Die vier Crash-Flugzeuge vom 11. September wurden nicht von den 19 jungen Muslimen, die heute allgemein als die Täter gelten, entführt. Diese hatten statt dessen die Aufgabe, durch auffälliges Benehmen an den Tagen vor dem Attentat die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, eine falsche Spur zu legen. Was aus ihnen geworden ist, weiß man nicht. (2) Die Flugzeuge, die die Türme des World Trade Center zum Einsturz brachten, wurden ferngelenkt. Über das dazu nötige technische Wissen verfügen nur amerikanische Stellen. (3) Es waren nicht die Flugzeuge, die die Türme zum Einsturz brachten, vielmehr Sprengladungen im Innern der Gebäude. (4) Der Anschlag auf das Pentagon in Washington geschah nicht mit der entführten Boeing, sondern mit einer Cruise Missile.

          Wer war es denn nun und warum das Ganze? Es war eine "wie auch immer zusammengesetzte Geheimdienststruktur, die die amerikanische Politik nach dem 11. 9. vorauszusehen, zu berechnen und gezielt ins Werk zu setzen in der Lage war", resümiert Bülow. Damit sollten "die Massen der westlichen Demokratien hinter die zur geopolitischen Landnahme entschlossenen politischen Eliten der USA gezwungen werden". Als ideologische Anleitung dazu gilt ihm Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen". Da bleibt einem die Spucke weg.

          WILFRIED VON BREDOW

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