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: Einschläferer

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Im Jahre 2002 sind mehr als sechshundert Urnen mit den sterblichen Überresten von Kindern und Jugendlichen in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt worden - unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Der Wunsch einer Journalistin, den Trauerakt zu fotografieren, wurde abgelehnt. Hintergrund für diese ...

          Im Jahre 2002 sind mehr als sechshundert Urnen mit den sterblichen Überresten von Kindern und Jugendlichen in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt worden - unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Der Wunsch einer Journalistin, den Trauerakt zu fotografieren, wurde abgelehnt. Hintergrund für diese amtliche Geheimhaltung war das jahrzehntelange Verschweigen und Verdrängen des "größten organisierten Massenmordes, der sich während der nationalsozialistischen Diktatur in Wien zugetragen" hatte. Waltraud Häupl, Jahrgang 1935, erfuhr durch Zufall, daß ihre kleine Schwester während des Zweiten Weltkriegs Opfer der systematischen Tötung angeblich "lebensunwerten" Lebens wurde. Sie wollte "Einzelheiten des grauenhaften Geschehens erkunden, die vielen hundert Kinder und Jugendlichen beim Namen nennen und ihnen ihre Geschichte wiedergeben, um sie vor dem Vergessen zu bewahren".

          Obgleich die mit dem "Euthanasie"-Programm befaßten Dienststellen und "Heilanstalten" ihre Aktenbestände kurz vor Kriegsende weitgehend vernichteten, ist es der Autorin nach mühevoller Spurensuche gelungen, gesicherte Erkenntnisse über das Schicksal von etwa 1300 Kindern nachzuweisen. Die im Wiener Stadt- und Landesarchiv überlieferten Krankengeschichten, Prozeßakten und Zeugenbefragungen lassen das menschenverachtende Selektionsverfahren erkennen: Ein geheimer Erlaß verpflichtete Hebammen und Ärzte in den Krankenhäusern, behinderte und "erblich belastete" Kinder den Gesundheitsämtern zu melden, die dann deren Einweisung in die "Heilpädagogische Klinik der Stadt Wien am Spiegelgrund" verfügten. Eine Ärztin dieser angeblichen "Nervenklinik für Kinder" bestätigte 1946 vor dem Volksgericht Wien, daß "hoffnungslose und unheilbare Kinder durch einen sanften Tod erlöst werden sollten". Mit Überdosen von Barbituraten - vor allem mit Luminal, einem Schlafmittel - wurden Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche ermordet. Die Ärzte nannten es "behandeln" oder "einschläfern". Unmittelbare Todesursache war in vielen Fällen eine Lungenentzündung, die im Zuge der Schlafmittelvergiftung aufgetreten war. Gehirne der Opfer wurden in Gläsern konserviert und teilweise noch in der Nachkriegszeit für weitere "wissenschaftliche" Zwecke genutzt.

          HANS-JÜRGEN DÖSCHER.

          Waltraud Häupl: Die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund. Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Kindereuthanasie in Wien. Böhlau Verlag, Wien 2006. 666 S., 39,- [Euro].

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