https://www.faz.net/-gqz-10s5d

: Ein Zufall kommt selten allein

  • Aktualisiert am

Kein Politiker hat die Geschehnisse im Südosteuropa der neunziger Jahre, die auch Weltgeschichte waren, so stark geprägt wie die finstere serbische Jahrhundertgestalt Slobodan Milosevic. Doch wie konnte sich dieser Mann länger als ein Jahrzehnt an der Macht halten, obwohl er alle von ihm angezettelten Kriege ...

          3 Min.

          Kein Politiker hat die Geschehnisse im Südosteuropa der neunziger Jahre, die auch Weltgeschichte waren, so stark geprägt wie die finstere serbische Jahrhundertgestalt Slobodan Milosevic. Doch wie konnte sich dieser Mann länger als ein Jahrzehnt an der Macht halten, obwohl er alle von ihm angezettelten Kriege verlor und die serbische Bevölkerung in Armut stürzte? Silvia Nadjivan hat dieser Frage ein sorgfältig ausgearbeitetes Buch gewidmet. In ausführlichen Gesprächen mit mehr als zwei Dutzend ehemaligen Protagonisten und Gegnern des Regimes rekonstruiert sie das System Milosevic und steigt sozusagen in den verlassenen Maschinenraum von dessen Herrschaftsapparat hinab. Dabei wird wieder einmal deutlich, dass Milosevic kein Diktator war, obschon er politische Gegner verfolgen, einige gar ermorden ließ. Die Autorin spricht lieber von einer "patriarchalen Pseudo-Demokratie", die eine "cäsaristische" und eine "sultanistische" Phase erlebt habe, bis Serbien schließlich zu einem "kleptokratischen Staat" verkommen sei.

          Solche Unterscheidungen mögen beckmesserisch klingen, sind aber für die sachliche Auseinandersetzung mit dem Erbe dieses juristisch nur mutmaßlichen Kriegsverbrechers nützlich. Die oft zu hörende Vereinfachung, Milosevic sei ein größenwahnsinniger Diktator gewesen, wird der komplizierten Lage beim Zerfall Jugoslawiens jedenfalls nicht gerecht, zumal der spröde Populist zunächst die Mehrheit der Serben hinter sich, die Errichtung einer Diktatur also nicht nötig hatte. Zwar gehören die von ihm später betriebene systematische Ausschaltung parteiinterner Gegner oder die "Säuberung" der Massenmedien zum Basso continuo einer Tyrannenlaufbahn, doch gab es in Serbien stets Nischen, in denen auch Oppositionelles geschrieben und gesendet werden konnte. Es gelang Milosevic selbst im Zenit seiner Herrschaft nicht, die völlige Kontrolle über die serbische Medienlandschaft zu erringen. Putins lupenrein demokratisch gelenktes Russland ist straffer geführt, als Milosevics Serbien je war.

          Die "natürliche" Zustimmung für den Emporkömmling aus der Provinz schwand jedoch schon bald. Penibel zeichnet die Autorin diese Entwicklung nach. Nachdem er den sogenannten Friedensvertrag von Dayton zur Beendigung des Krieges in Bosnien unterschrieben hatte, verlor er die Unterstützung der orthodoxen Kirche sowie der echten Nationalisten seines Landes, die dem verkappten Nationalisten im Amt des serbischen Präsidenten Verrat an der großserbischen Sache vorwarfen. Zuvor schon hatte die als Folge der UN-Sanktionen von ihm planvoll gelenkte Kriminalisierung der serbischen Wirtschaft eingesetzt, unter deren Nachwirkungen das Land bis heute leidet. Frau Nadjivan kommt zu dem Schluss, das Milosevic-Regime habe in den 13 Jahren seines Bestehens "einen Prozess des laufenden Staatszerfalls" bewirkt. Tatsächlich war Serbien am Ende wirtschaftlich derart ausgelaugt, dass dem Regime schlicht die Mittel zum Machterhalt fehlten. Das System konnte seine Verteidiger nicht mehr bezahlen, und der Milosevic anfangs nützliche Kult um seine Person wandte sich nun, da die wirtschaftliche Misere sich nicht mehr glaubwürdig auf äußere oder innere Gegner abwälzen ließ, gegen ihn. So bildete sich die kritische Masse, die Milosevic im Oktober 2000 zu Fall brachte. Das immerhin ist schlüssig an dem verworrenen Lebenslauf Milosevics - die Straße brachte ihn zur Macht, die Straße holte ihn von dort zurück.

          Wird dies alles schlüssig dargestellt, ist jedoch ausgerechnet die titelgebende These des Buches, laut der es sich bei dem Sturz Milosevics um einen Akt der "wohl geplanten Spontaneität" gehandelt habe, nur zum Teil überzeugend. Denn obwohl sie für die letzten Monate des Kampfes gegen das Regime durchaus zutrifft, waren die ausführlich beschriebenen Jahre zuvor meist von Zufällen und kurzsichtigem Aktionismus der zerstrittenen Opposition geprägt. Außerdem ist das Buch leider in einem Deutsch geschrieben, das dem Lesenden die Lust an der Lektüre stellenweise vergällt. Da wird etwa über die serbische Opposition gesagt, ihr Beitrag zum Sturz des Regimes "war ein jahrelanges Bewusstmachen des Potentiellen, das erst durch die drastische Verschlechterung des Aktuellen infrage kommen konnte". An anderer Stelle heißt es: "Im Kontext struktureller Gewalt und Maskulinismus als dessen Unterform fungierten außerinstitutioneller Protest als Mobilisator, institutioneller (ziviler) Ungehorsam als Katalysator und direkte Gewalt als Geburtshelferin des Regimewechsels." Muss denn der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit durch ungelenke Satzkonstruktionen, falsche Konjunktive, behördenhafte Substantivierungen und überflüssige Fremdwörter hervorgehoben werden? Wer sich aber durch das universitäre Kauderwelsch zu den gelungenen Passagen dieses Buches durchkämpft, wird durch eine äußerst aufschlussreiche Darstellung des stetigen Zerfalls eines berüchtigten Regimes entschädigt.

          MICHAEL MARTENS

          Silvia Nadjivan: Wohl geplante Spontaneität. Der Sturz des Milosevic-Regimes als politisch inszenierte Massendemonstration in Serbien. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2008. 202 S., 39,- [Euro].

          Weitere Themen

          „Peter Handke hat den Preis nicht verdient“ Video-Seite öffnen

          Preisträger Stanišić : „Peter Handke hat den Preis nicht verdient“

          Mit seinem Roman „Herkunft“ hat Saša Stanišić die Jury des Deutschen Buchpreises überzeugt. In seiner Rede kritisiert er die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Literaturnobelpreis. Andrea Diener hat ihn im Anschluss an die Verleihung getroffen.

          Topmeldungen

          Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im Oktober in Paris

          Islamismus in Frankreich : Kleingruppen gegen Fundamentalismus

          Mit einer neuen Schulpolitik will Frankreich Jugendliche aus Einwandererfamilien besser fördern – und so dem Islamismus entgegenwirken. Bildungsminister Blanquer hat als Schuldirektor den wachsenden Einfluss des Fundamentalismus erlebt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.