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: Ein Schloss im Felde und im Widerstand

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Steinort gehörte zu jenen großen Gütern, die zur Versorgung von Armee und Bevölkerung mit Nahrungsmitteln gebraucht wurden. In unmittelbarer Nähe lag das "Führerhauptquartier Wolfschanze" und das Oberkommando des Heeres "Mauerwald". Das Lehndorff-Schloss ermöglichte Widerständlern unauffällige Treffen. Zudem diente aber der linke Schlossflügel seit 1941 dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop als "Hauptquartier im Felde". Lehndorff durfte damals "an allen Lagebesprechungen des Außenministers im Schloss" teilnehmen, berichtet Frau Vollmer. Sie zitiert dazu aus Gottliebes Rückblick: "Und dann sagte Heini, es wäre überhaupt unfassbar, was wirklich geschah, das stimmte nie überein mit dem, was ein Außenminister da präsentiert kriegte." Ribbentrop habe - so Frau Vollmer - "Wert auf eine üppig gedeckte Tafel" gelegt, sich selbst zum gemeinsamen Essen mit den Lehndorffs eingeladen und sich gern fotografieren lassen "mit der schönen Schlossherrin oder mit den kleinen Grafentöchtern an der Hand". Denen schenkte er sogar die zwei Ponys "Anton" und "Lore" mit Kutschwagen. Gottliebe erzählte ihrer Tochter Vera, Ribbentrop sei "total unsicher" gewesen: eine "Unsicherheit durch Hitler". Dies erklärt Frau Vollmer damit, dass Ribbentrop "besonders auf Hitler fixiert" war: "Eine weitere Tatsache prägte den Charakter Joachim von Ribbentrops entscheidend: die Ehe mit Annelies Henkell, der Tochter des einflussreichen deutschen Sektbarons. Göring hat sich darüber einmal despektierlich geäußert: ,Er heirate ihr Geld, und sie heiratete seinen Adelstitel.'" Hier irrte schon Hermann Göring. Die Ribbentrops heiraten im Jahr 1920, als Joachim noch ein Bürgerlicher war, den seine Tante erst 1925 adoptierte und zu einem Herrn von Ribbentrop machte. Überhaupt versteht der Rezensent nicht ganz, worin eigentlich der im Untertitel des Buches so groß herausgestellte "Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop" mit Blick auf den Außenminister bestanden haben mag.

Am 20. Juli 1944 war Lehndorff auf Bitte von General Erich Fellgiebel am frühen Morgen im "Führerhauptquartier". In die "Walküre"-Staatsstreich-Planungen der Verschwörer war der Graf als Verbindungsoffizier für den Wehrkreis I (Königsberg) einbezogen. Nach dem gescheiterten Attentat wollte Lehndorff zunächst untertauchen, stellte sich dann jedoch am 21. Juli der Gestapo, um seine hochschwangere Frau zu schützen. Am 8. August wurde er nach Berlin gebracht, konnte dort aus einem Wagen vor dem Gestapo-Gefängnis Prinz-Albrecht-Straße fliehen, um am 14. August wieder gefasst zu werden. Gottliebe war vorübergehend mit, dann ohne Kinder im Torgauer Gefängnis, wo sie am 15. August die vierte Tochter zur Welt brachte. Die drei Älteren kamen in ein Heim in Bad Sachsa, mit neuen Namen - bis Marion Dönhoff sie im Dezember 1944 abholte und zu Gottliebes Mutter nach Canow brachte, wo mittlerweile auch die Gräfin wohnte.

Lehndorff legte ein umfassendes Geständnis ab, begründete seine Ablehnung gegenüber dem Regime mit den nationalsozialistischen Verbrechen. Der Prozess gegen ihn (von dem keine Quellen überliefert sind) fand am 4. September 1944 statt, um 15.35 Uhr auch die Hinrichtung. SS-Obergruppenführer Karl Wolff - ein Bekannter der Familie - übergab Gottliebe Anfang 1945 Heinrichs Abschiedsbrief an sein "Geliebtestes von der Welt": "Dass wir inzwischen ein 4. Kind haben, ich es erst acht Tage danach erfahren habe und dieses kleine Menschlein, das doch noch von mir stammt, nie im Leben sehen werde, kann ich nicht begreifen." Er habe - so tröstete er seine Frau - "überall Menschen gefunden, die gut zu mir waren und sich aus ehrlichem Mitgefühl um mich gesorgt haben". Die Biographin fügt hinzu: "Heinrich war, als er diesen letzten Brief schrieb, fünfunddreißig Jahre alt. Gottliebe war einunddreißig. Die Kinder waren sechseinhalb, fünf und eineinhalb Jahre alt. Die Jüngste, Catharina, war erst 19 Tage auf der Welt."

RAINER BLASIUS

Antje Vollmer: Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010. 412 S., 24,95 [Euro].

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