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: Ein Mann sieht schwarz

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War Heinrich Brüning, Reichskanzler in der "Weltkrisenzeit" von 1930 bis 1932, der letzte Regierungschef der Weimarer Demokratie oder der erste im Prozess ihrer Auflösung, durch dessen Regierungssystem es Hitler erleichtert worden ist, wenig später die "Macht" übertragen zu erhalten? Diese Frage beschäftigt die Geschichtswissenschaft seit langem.

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          War Heinrich Brüning, Reichskanzler in der "Weltkrisenzeit" von 1930 bis 1932, der letzte Regierungschef der Weimarer Demokratie oder der erste im Prozess ihrer Auflösung, durch dessen Regierungssystem es Hitler erleichtert worden ist, wenig später die "Macht" übertragen zu erhalten? Diese Frage beschäftigt die Geschichtswissenschaft seit langem. Gleichwohl schien die Brüning-Forschung mit der zweibändigen Biographie von Herbert Hömig (2000 und 2005) einen vorläufigen Abschluss gefunden zu haben. Sie ist jedoch durch eine jüngst erschienene "Teilbiographie" des Exkanzlers ("Nationalist ohne Heimat") von Peer Oliver Volkmann neu eröffnet worden. Nahezu gleichzeitig legt Christoph Weber eine Edition mit 61 Briefen und Dokumenten vor, die zwischen Brüning und drei niederländischen Freunden 1936 bis 1958 gewechselt worden sind.

          Alle drei haben den 1934 zur Emigration gezwungenen früheren Kanzler, der bis zu seiner Weiterreise in die Vereinigten Staaten (1939) als Flüchtling ruhelos durch Westeuropa hetzte, wiederholt bei sich aufgenommen, betreut und vor den Nachstellungen der Gestapo geschützt. Bei den Briefpartnern handelt sich um Monsignore Henri Poels in Heerlen, den führenden Vertreter der christlich-sozialen Bewegung, den ebenfalls geistlichen Caritas-Direktor Piet Mommersteeg und einen jungen Bibliothekar, Antonius J.M. Cornelissen, in Nijmegen. Die Hilfestellung, die sie Brüning über Jahre hin geleistet haben, und die Freundschaften, die sich daraus entwickelten, waren in diesem Umfang nicht bekannt. So vermittelt der Briefwechsel zugleich neue Erkenntnisse für die Emigrationsforschung und erlaubt Vergleiche zwischen dem sozialen Katholizismus diesseits und jenseits der Grenze. Diese Zusammenhänge hat Weber in seiner Einleitung herausgearbeitet, auch nachgewiesen, dass daraus bereits veröffentlichte Bruchstücke in einer früheren Ausgabe von Brüning-Briefen eine verfälschte Auswahl darstellen. Das Kriterium des Herausgebers für die Einordnung seiner Quellen ist ein weltoffener, "modernistischer Katholizismus" im Gegensatz zu einem "kurialen Antimodernismus".

          Den Kern der Edition bilden zwei ellenlange Briefe (Denkschriften) Brünings vom November 1936 an Cornelissen und vom Januar 1947 an Poels. Sie belegen die "tiefen Divergenzen" zwischen Brüning und Eugenio Pacelli, und zwar sowohl in dessen Zeit als Nuntius in Berlin wie anschließend als Kardinalstaatssekretär und Papst Pius XII. Sie gipfeln in Brünings "Gericht über den Klerikalismus in der Zentrumspartei" und seinem Verdikt über den Parteivorsitzenden Prälat Kaas, der mehr auf vatikanische Interessen als auf sein politisches Amt fixiert gewesen sei. Pacelli habe kein Verständnis für die Situation der strukturellen Minderheitspartei im bikonfessionellen Deutschland besessen. Die Wurzeln der Aversion Brünings sieht Weber in theologischen Differenzen aus der Zeit des "Gewerkschaftsstreits" vor 1912. Damals habe sich der "Intransigentismus" des Vatikans - unter dem alle Briefpartner seinerzeit in unterschiedlicher Weise gelitten hätten - nur schwer zur Tolerierung interkonfessioneller christlicher Gewerkschaften durchringen können. Brüning warf Pacelli vor, seit dieser Zeit den "rigiden Zentralismus" der Kurie mitvertreten und, als "hoffnungslos veralteter Karrierediplomat", eine "Neigung" zum Mussolini-Regime entwickelt zu haben.

          Diese und weitere Urteile des Exkanzlers, so über die "verhängnisvolle" Rolle von Kaas im März 1933 beim "Ja" des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz als vermeintliche Vorleistung für ein Reichskonkordat, sind seit langem bekannt und auch widerlegt. Bekannt sind ferner Brünings Informationen in der Denkschrift von 1947 über seine Isolierung während der Kriegszeit in Harvard, über die gegen ihn gerichteten Verdächtigungen linksgerichteter, "wilder" Emigranten, unter denen er gelitten hat, und über sein vergebliches Bemühen, die Roosevelt-Regierung von einer Morgenthau-Linie abzubringen. So bieten die neuen Briefe für die Forschung nur noch punktuelle, aber atmosphärisch wichtige Ergänzungen. Allerdings ist die Lektüre von Webers Einleitung wie die des Personenindex eine Qual; denn beide enthalten mehrere Dutzend Fehler, nicht gerechnet etwa 20 falsch geschriebene Namen.

          RUDOLF MORSEY

          Christoph Weber (Herausgeber): Zwischen Hitler und Pius XII. Heinrich Brüning und seine niederländischen Freunde Mgr. Henri Poels, Rector Piet Mommersteeg und Dr. A.J.M. Cornelissen. Briefe und Dokumente (1936-1958). Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2007. 313 S., 78,- [Euro].

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