https://www.faz.net/-gqz-yw9q

Ein Leben für die Bundeswehr : Minensucher, Superhirn, graue Eminenz

  • -Aktualisiert am

Bild: REUTERS

Er wurde als „strategisches Superhirn“ gefeiert und leitete zuletzt unter Volker Rühe den Planungsstab des Verteidigungsministeriums: Ulrich Weisser blickt zurück.

          Fragen der Strategie und der Sicherheitspolitik durchziehen wie ein roter Faden die „Gedanken und Erinnerungen zwischen Militär und Politik“ des Offiziers und Publizisten Ulrich Weisser. Nach einem Prolog zu Kindheit und Jugend bis zum Abitur in Aurich und dem Eintritt in die Bundesmarine 1958 zeichnen die Hauptkapitel Dienstzeit und Funktionen in den Streitkräften nach.

          Bei den Minensuchern bringt Weisser es bis zum Kommandanten, zweifelt aber schon während der Ausbildung daran, „zum Seemann geboren“ zu sein, und erhält später auch kein Bordkommando mehr. Während seiner Admiralstabsausbildung entwickelt er besonderes Interesse für Fragen der Militärstrategie und Streitkräfteplanung, folgerichtig führt ihn seine Laufbahn ins Bundesministerium der Verteidigung.

          Weisser wird dort im Planungsstab eingesetzt. Er wirkt unter den SPD-Ministern Georg Leber und Hans Apel als koordinierender Redakteur an drei Weißbüchern mit und leistet 1977 Zuarbeit („Ich hatte an dem Entwurf maßgeblich mitgearbeitet“) für die Londoner Rede von Bundeskanzler Helmut Schmidt zum Nato-Doppelbeschluss.

          Mit 39 Jahren wird der umtriebige Weisser zum Kapitän zur See befördert und in einen Nato-Stab in die Vereinigten Staaten versetzt. Dort macht er bald durch Vorträge und Berichte zu strategischen Fragen von sich reden, was zu Hause nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt.

          Nach seiner Rückkehr wird Weisser 1982 Gruppenleiter Sicherheitspolitik im Kanzleramt. Unter seinem Chef Horst Teltschik arbeitet er auch dem CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl zu, an dessen Regierungserklärung zum Doppelbeschluss 1983 will er wieder einmal wesentlichen Anteil gehabt haben. Dem Kanzleramt folgen Verwendungen an der Führungsakademie der Bundeswehr und im Verteidigungsministerium, wo sich Weisser „nur begrenzt ausgelastet“ und „intellektuell unterfordert“ fühlt und sich deshalb verstärkt publizistisch betätigt.

          Während Weisser so einerseits als „strategisches Superhirn“ gefeiert wird, eckt er andererseits mit unerbetenen Ratschlägen und Initiativen an. In der Marine betrachten ihn viele als Schreibtischoffizier ohne Perspektive. Aufgrund Ministerweisung wird er 1992 dennoch zum Flottillenadmiral befördert und nach Brüssel versetzt.

          Einen erstaunlichen Schub erhält seine Karriere dann, als Volker Rühe 1992 Verteidigungsminister wird. Beide kennen sich seit kurzer Zeit aus Fachgesprächen und „verstanden sich vom ersten Moment an“. Rühe macht Weisser zum Leiter seines Planungsstabes und befördert ihn noch im selben Jahr unter Überspringung eines Dienstgrades zum Vizeadmiral - ein Vorgang, der in der Bundeswehr mächtig Staub aufwirbelt.

          Weisser gilt im Ministerium bald als his master's voice und „graue Eminenz“. Der Planungsstab wird zum Kontrollorgan des gesamten Ministeriums. In seinen Erinnerungen skizziert Weisser Aufgaben, Reisetätigkeit und Konferenzbesuche in der Spitzenfunktion. Die Beendigung des Ost-West-Konfliktes erforderte eine sicherheitspolitische und militärstrategische Neuorientierung. Auf die Bundeswehr kamen im Bündnis und mit den ersten Auslandseinsätzen ungeahnte Aufgaben zu.

          Schwerpunkt wird für das Gespann Rühe/Weisser aber die Nato-Ost-Erweiterung und eine strategische Partnerschaft mit Russland. Zusammen mit Rühe verlässt Weisser im Oktober 1998 das Ministerium, betätigt sich im Ruhestand weiter publizistisch auf seinem Fachgebiet. 2001/2002 gehört er zu einem sicherheitspolitischen Beratungsteam des CSU-Kanzlerkandidaten Stoiber. Den mazedonischen Staatspräsidenten beriet er in Fragen des Nato-Beitritts. Besondere Verve legte er weiterhin in kritische publizistische Beiträge zum militärstrategischen Diskurs mit dem Beitritt Russlands zur Nato als ceterum censeo.

          Weissers vielseitig schillernde Persönlichkeit und Biographie machen sein flüssig geschriebenes Buch trotz des Hangs des Autors zur Selbstdarstellung insgesamt lesenswert.

          Ulrich Weisser: Strategie als Berufung. Gedanken und Erinnerungen zwischen Militär und Politik. Verlag Bouvier, Bonn 2011. 295 Seiten, 24,90 Euro.

          Weitere Themen

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Zur Zukunft des Lesens

          Stavanger-Erklärung von E-READ : Zur Zukunft des Lesens

          Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig: Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa haben eine Erklärung zur Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung unterzeichnet.

          Topmeldungen

          Donald Tusk und Theresa May bei einem Treffen in Brüssel am 25. November 2018

          Liveblog zum Brexit : EU lehnt Mays Plan B umgehend ab

          +++ May will mit EU erneut über Nordirland-Auffanglösung verhandeln +++ Kein zweites Referendum +++ Corbyn: „nichts Neues“ +++ Alle Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog. +++
          Wie ausradiert: Die Zerstörung immer größerer Teile des Gehirns führt zum großen Vergessen und am Ende sogar zum Verlust der Persönlichkeit.

          16 Jahre vor der Demenz : Ein Bluttest für Alzheimer

          Unheilbar, aber nicht unsichtbar: Nachdem deutsche Forscher entdeckten, dass Alzheimer-Spuren lange vor Krankheitsbeginn im Blut zu finden sind, haben sie einen Bluttest entwickelt. Anwendungsreif ist er nicht.
          Die schwarz-rot-goldene Begeisterung ist groß in den Hallen der Handball-WM.

          WM-Kommentar : Der Erfolg des Handballs

          Egal, ob man harte Zahlen nimmt oder den weichen Faktor Gefühl: Diese Handball-WM ist bislang eine einzige Erfolgsgeschichte. Das verwundert nicht. Erstaunlich ist aber etwas anderes. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.