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: Ein Held in der Etappe

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Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten". Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von Thomas Vogel. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 1194 Seiten, 29,90 [Euro].Als sich die polnische Untergrundarmee ...

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          Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten". Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von Thomas Vogel. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 1194 Seiten, 29,90 [Euro].

          Als sich die polnische Untergrundarmee in der Hoffnung auf eine sowjetische Offensive gegen die deutschen Besatzer erhob, tat Wilm Hosenfeld vorübergehend Dienst als "Ic" des Kommandanten von Warschau, Generalleutnant Rainer Stahel. Zu den Aufgaben des Reservehauptmanns, der weder einen Offiziers- noch einen Generalstabslehrgang besucht hatte, zählten: Meldungen auswerten, Karten führen, Lagevorträge halten, Kontakte zum Sicherheitsdienst (SD) der SS und zur Polizei wahrnehmen sowie Informationen über den "Feind" sammeln. Daher wurde ihm am 11. August 1944 ein Kämpfer der "Armia Krajowa" (AK) vorgeführt. Über dessen Vernehmung schrieb er an seine Frau Annemarie, die im Schulhaus in Thalau bei Fulda um den zu den Waffen gerufenen Dorfschullehrer bangte: "Es kann einem leid tun, wenn man diese irregeleitete Jugend ihrem Untergang entgegengehen sieht. Er machte ganz unbefangen seine Aussagen. Er war, glaube ich, sogar etwas stolz auf seine Uniform."

          Nicht nach Hause berichtete der mitfühlende Vater von fünf Kindern zwischen dreiundzwanzig und sieben Jahren allerdings, wie er sich für die Aufständischen einsetzte, deren Mut und Freiheitswillen er bewunderte. Obwohl Stahel sich zu Beginn des Aufstands auf einen Befehl des Reichsführers SS und Reichsinnenministers Himmler berufen und die Mitglieder der AK als "Banditen und Rebellen" bezeichnet hatte, "die rücksichtslos zu vernichten seien", ergriff Hosenfeld die Initiative. Er machte den erst am 27. Juli in Warschau eingetroffenen General mit Hinweis auf den gerade verhörten Neunzehnjährigen darauf aufmerksam, daß sich die AK-Männer durch rotweiße Armbinden als polnische Streitmacht kennzeichneten und als normale Kriegsgefangene behandelt werden müßten - also keinesfalls getötet werden dürften. Jedoch verwies der Kommandant darauf, daß ein polnischer Staat nicht mehr existiere und die Bestimmungen des Völkerrechts nicht anwendbar seien. Hosenfeld erwiderte, daß es in London sogar eine polnische Exilregierung gebe und jedes Volk das Recht habe, für seine Unabhängigkeit zu kämpfen.

          Dies ließ Stahel nicht gelten und wies Hosenfeld an, sich von zwei Militärjuristen "belehren" zu lassen, die dann Stahels Auffassung prompt bestätigten. Der Reserveoffizier war schockiert: "Ich sagte zu Oberstabsrichter Koch: ,Also sind die Gefangenen nach Ihrer Ansicht Banditen und werden erschossen.' ,Jawohl', sagte er. Dieser Antwort pflichtete Oberstabsrichter Jaeth bei. Ich antwortete: ,Ich sehe darin eine Verletzung des Völkerrechts.' Er: ,Sie haben das nicht zu verantworten, das entscheidet der General.' Darauf begab ich mich wieder zum General Stahel und teilte ihm die Ansicht des Gerichtes mit. Er sagte: ,Erschießungen werden von uns nicht durchgeführt, das macht der SD oder die Polizei, das geht Sie nichts an. Die Gefangenen werden von Ihnen verhört und dann dem SD übergeben. Halten Sie sich an meine Befehle! Schluß.'"

          Obwohl der Neunzehnjährige der SS und damit wohl seinem sicheren Tod überantwortet wurde, ließ sich Hosenfeld nicht entmutigen. Als ihm zwei Tage später drei verwundete Aufständische bei einer Vernehmung bestätigten, daß die AK "die deutschen gefangenen Wehrmachtsangehörigen gut" behandele, allerdings SS, Polizei und SD liquidiere, meldete er dies dem General und meinte, "daß wir die polnischen Gefangenen entsprechend behandeln müßten. Zu meiner Überraschung entschied er, daß die drei Gefangenen dem deutschen Hauptverbandsplatz zu überweisen und nach der ersten Wundversorgung in ein polnisches Zivilhospital abzugeben seien." Rückblickend stellte Hosenfeld dazu im Juli 1945 fest, daß die Entscheidung des Kommandanten keiner humanitären Anwandlung entsprungen sei, sondern reinen "Zweckmäßigkeitserwägungen mit der Absicht, die Zivilbevölkerung gegen die Aufständischen zu beeinflussen".

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