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: Durch die Bürokraten-Hölle

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Seit einiger Zeit kann man in den Medien vermehrt über ehemalige Soldaten der Bundeswehr hören und lesen, die im Auslandseinsatz waren und unter einer Krankheit leiden, die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) genannt wird. Darunter ist ein Syndrom von psychischen und somatischen Leiden gemeint, ...

          Seit einiger Zeit kann man in den Medien vermehrt über ehemalige Soldaten der Bundeswehr hören und lesen, die im Auslandseinsatz waren und unter einer Krankheit leiden, die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) genannt wird. Darunter ist ein Syndrom von psychischen und somatischen Leiden gemeint, die in ihrer Summe die Berufsfähigkeit der Veteranen drastisch einschränken und ihr Alltagsleben oftmals zur Hölle machen. Der Name ist relativ neu, aber die Sache selbst ist so alt wie die Geschichte menschlicher Kriege. In unserer postheroischen Gesellschaft erscheint sie allerdings als besonders ungewöhnlich und erschreckend.

          In dieser Zeitung wurde solch ein Fall am 24. Juli 2010 geschildert, und nicht ohne grimmige Anteilnahme konnte man dort lesen, wie im Fall des früheren Eliteeinheit-Soldaten Daniel L. der Dienstherr sich auf schwer angreifbar-bürokratische Weise seiner Fürsorgepflicht entzogen hat. Man muss es so deutlich sagen. Auch der vorige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe hat es an harscher Kritik nicht fehlen lassen. Erst ganz langsam scheint die Bundeswehr zu lernen (Sanitätsamt und Wehrbereichsverwaltungen am langsamsten), dass es ein verfehlter Ehrgeiz ist, in ihren Statistiken über PTBS-Zahlen "besser" dastehen zu wollen als die Streitkräfte anderer Nato-Staaten. Offenbar gehört die bürokratische Leugnung von PTBS ihrerseits in das Euphemismus-Syndrom von Politik und Bundeswehrspitze, das sie jahrelang den Einsatz im angeblich friedlichen Norden Afghanistans verkennen ließ.

          Auch Andreas Timmermann-Levanas leidet an PTBS. Er hat mehrere Auslandseinsätze der Bundeswehr mitgemacht, zuletzt als Presseoffizier bei der Isaf-Mission. In dem Buch, das er zusammen mit Andrea Richter geschrieben hat, schildert er seine Einsatzerfahrungen in Bosnien und Afghanistan, die Auswirkungen der Krankheit auf sein Leben und sehr ausführlich sein Spießrutenlaufen von einer Dienststelle zu anderen, damit seine Krankheit als Wehrdienstbeschädigung anerkannt wird. Gut weg in dieser Schilderung kommen die Ärzte in den Bundeswehrkrankenhäusern - im Gegensatz zu den beinharten Bürokraten und zivilen Gutachtern, gegen die er sich erst auf dem Klageweg durchsetzen kann.

          Gewiss, dieser Bericht des 2009 aus der Bundeswehr nach 24 Dienstjahren ausgeschiedenen Autors ist parteilich in eigener Sache. Das muss man berücksichtigen und wünscht sich eine einfühlsame und fürsorgliche Gegendarstellung seitens des Dienstherrn. Weil es aber inzwischen mehr und mehr ähnliche Fälle gibt, weil die Bundeswehr trotz anderslautender Äußerungen des damaligen Ministers Scharping auch jene Soldaten keineswegs großzügig entschädigt hat, deren Gesundheit jahrelang durch stark strahlende Radargeräte beeinträchtigt wurde, gibt es wohl eine kollektive Mentalität in den Amtsstuben, solche negativen und mit Versorgungskosten verbundenen Aspekte des Soldatenberufs möglichst zu verdrängen. Vielleicht können der neue Minister und seine Crew dem ein Ende bereiten. Denn, nebenbei gefragt, wie kann eine Streitmacht auf erfolgreiche Rekrutierung hoffen, wenn sie ihre Veteranen schlecht behandelt, vor allem die, denen nicht zuletzt auch nach den Grundsätzen der Inneren Führung am ehesten Schutz und Fürsorge zukommen müssten?

          WILFRIED VON BREDOW

          Andreas Timmermann-Levanas/Andrea Richter: Die reden - wir sterben. Wie unsere Soldaten zu Opfern der deutschen Politik werden. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010. 267 S., 18,90 [Euro].

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