https://www.faz.net/-gqz-s0mc

: Dresdener Freiheitsforschung

  • Aktualisiert am

Endlich hat auch hierzulande die "Freiheitsforschung" Fuß gefaßt. Das vorliegende Buch versteht sich als Beitrag zu diesem "in Deutschland noch neu zu etablierenden Zweig der Kulturwissenschaft". Welcher Kulturkreis wäre als ihr Forschungsgegenstand besser geeignet als der amerikanische? Hat doch die amerikanische Sprache sogar gleich zwei Wörter für Freiheit.

          2 Min.

          Endlich hat auch hierzulande die "Freiheitsforschung" Fuß gefaßt. Das vorliegende Buch versteht sich als Beitrag zu diesem "in Deutschland noch neu zu etablierenden Zweig der Kulturwissenschaft". Welcher Kulturkreis wäre als ihr Forschungsgegenstand besser geeignet als der amerikanische? Hat doch die amerikanische Sprache sogar gleich zwei Wörter für Freiheit. Welcher Staatsmann brächte wie Präsident Bush das Kunststück fertig, in einer einzigen Rede neunundvierzigmal die Wörter "liberty" und "freedom" zu gebrauchen? Und verdankt nicht Deutschland den amerikanischen "Freiheitsimpulsen" eine so große Prägung, daß wir uns auch bei der Lösung unserer gegenwärtigen Probleme der Freiheitstradition Amerikas vergewissern sollten? Das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden hat - wie die Autoren hervorheben - "den akademischen Nährboden" für dieses Forschungsvorhaben bereitet. Institutsdirektor Besier und sein Mitarbeiter Lindemann haben dann das Feld bestellt und die Ernte eingefahren - ein Buch mit zwölf Kapiteln über die amerikanischen Freiheitsvorstellungen, in chronologischer Abfolge von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart.

          Kann ein so großer Zeitraum von vier Jahrhunderten anders als bloß kursorisch durchschritten werden? Wohl kaum. Am Anfang stehen zwei Zitate von Karl Popper und George W. Bush. Der kritische Rationalist mahnt: "Der Kampf für die Freiheit geht weiter." Der amerikanische Präsident definiert die "story of America" als die "story of expanding liberty", und er verspricht: "We will extend the frontiers of freedom." Daß mit denselben Worten Unterschiedliches gemeint ist, liegt auf der Hand und ist charakteristisch für alle Epochen der amerikanischen Geschichte. Kapitel für Kapitel beschreiben die Autoren die "Ambivalenzen des amerikanischen Freiheitsmythos". Propagandisten und Kritiker kommen jeweils zu Wort - im Einerseits und Andererseits der Argumentation.

          Die Zwischenergebnisse dieses quasidialektischen Prozesses erscheinen stets in positivem Licht. So wird - um ein Beispiel zu nennen - der "düstere Zeitabschnitt" der antikommunistischen Hexenjagd der McCarthy-Ära zwar keineswegs ausgeklammert oder verharmlost, aber dann um so begeisterter der "große Aufbruch" "mitten im Kalten Krieg" zugunsten der individuellen und sozialen Freiheitsrechte aller Bürger gefeiert.

          Was die Ausbreitung der Freiheit in Deutschland nach 1945 anbelangt, so bedauern die Autoren, daß die amerikanische Besatzungspolitik mit dem Versuch scheiterte, das deutsche Berufsbeamtentum abzuschaffen und die Religionsfreiheit "in Gänze" zu etablieren. Im unterschiedlichen Freiheitsverständnis lägen die Grenzen des prägenden Einflusses der Vereinigten Staaten. "Für Sicherheitsversprechen" nähmen die Deutschen "bis heute alle möglichen Freiheitseinschränkungen und Reglementierungen bereitwillig in Kauf und beugen sich dem Autoritären in Gehorsam". Kurioserweise wird diesen autoritätsanfälligen Deutschen wenig später anempfohlen, sich der Pax Americana unterzuordnen und nicht aufzubegehren gegen die amerikanische Vormacht; denn nur sie begegne "wirkungsvoll" den neuen Bedrohungen und scheue nicht militärische Interventionen. Freiheit durch "imperiales Agieren"? Kommentar überflüssig.

          Im letzten Kapitel wird - gewissermaßen als vierseitiges Kurzresümee - die Fähigkeit der amerikanischen Gesellschaft zur "Selbstkorrektur" postuliert. Wer es geschafft hat, auf dem langen Marsch durch die Geschichte der "amerikanischen Freiheitsrhetorik" mitzuhalten, kann sich also beruhigt zurücklehnen. "Denn seit jeher hat ein amerikanisches Freiheitsverständnis das andere ausbalanciert." So werde es auch künftig sein. "Amerikaner setzen immer wieder auf die Chance der inneren Erneuerung ihres Landes, seiner Selbstverbesserung." In diesem Sinne hat der amerikanische Historiker Arthur Schlesinger das letzte (Trost-)Wort (das freilich schon mehr als zehn Jahre alt ist): "Es wird eine schlimme Zeit, aber der große Vorzug unserer Demokratie ist ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur." Die Zeiten sind inzwischen schlimmer geworden. Indes, Freunde der Freiheit, die Freiheitsforscher heißen euch hoffen!

          WERNER LINK

          Gerhard Besier/Gerhard Lindemann: Im Namen der Freiheit. Die amerikanische Mission. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. 415 S., 19,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Hier kommt der neue Bruce Springsteen

          Rockmusiker Jason Isbell : Hier kommt der neue Bruce Springsteen

          Ein Südstaatenrocker, der reflektiert über Feminismus spricht und den Präsidenten angreift? Ja, das gibt es: Jason Isbell hat vier Grammys und eine Sucht überwunden. Sein neues Album „Reunions“ ist ein Rock-Meisterwerk von geradliniger Komplexität.

          Topmeldungen

          Transatlantische Risse: Jens Stoltenberg, Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel im Dezember 2019 in Großbritannien.

          Trump und Europa : Es kann noch schlimmer kommen

          Schon jetzt ist dank Trumps Rhetorik und Politik des Spaltens viel Gift im transatlantischen Verhältnis. Sein möglicher Wahlsieg im November könnte den Westen nachhaltig schwächen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.