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: Die Stimme ihres Herrn

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In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etablierten sich "Holocaust Studies" als fachübergreifende Forschungsrichtung im englischsprachigen Raum bis nach Australien. Lehrstühle und außeruniversitäre Einrichtungen wurden geschaffen, um einer großen Nachfrage zu entsprechen. Die Präsenz ...

          In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etablierten sich "Holocaust Studies" als fachübergreifende Forschungsrichtung im englischsprachigen Raum bis nach Australien. Lehrstühle und außeruniversitäre Einrichtungen wurden geschaffen, um einer großen Nachfrage zu entsprechen. Die Präsenz dieses Themenkomplexes ist inzwischen so stark, daß in Großbritannien jüngst die Verdrängung der nationalen Geschichte durch die des "Dritten Reiches" im Schulunterricht beklagt wurde. Englischsprachige Fachliteratur von hoher Qualität steht inzwischen in ausreichendem Maße zur Verfügung. Vor der Beschäftigung mit Originalquellen der nationalsozialistischen Herrschaft und ihren Auswirkungen steht jedoch die Fremdsprachenbarriere. Ist es aber sinnvoll, jeden Studenten, der sich für die Thematik interessiert, mit der Forderung nach ausreichenden Deutschkenntnissen abzuschrecken? Einzelne Sammlungen übersetzter Schlüsseldokumente zum Massenmord an den europäischen Juden sind verfügbar, allerdings in minimalem Umfang, bezogen auf die Zahl tatsächlich vorhandener Quellen und die Vielfalt der historischen Fragestellungen.

          Für die Vorgeschichte des "Dritten Reiches" steht jetzt Detlef Mühlbergers Auswahledition des "Völkischen Beobachters" zur Verfügung. Der Dozent für moderne deutsche Geschichte an der Oxford Brooks University hat 432 Auszüge aus der Zeit der Entwicklung der NSDAP von der regionalen Splitterpartei zur Massenbewegung von 1920 bis 1933 aus dem "Kampfblatt der national-sozialistischen Bewegung Großdeutschlands" ausgewählt und ins Englische übersetzt. Die Ausgangsquelle ist eine gute Wahl. Der "Völkische Beobachter" war die einzige Zeitung, bei der Adolf Hitler selbst als Herausgeber fungierte. Sie war sowohl als Propagandainstrument als auch als Kommunikationsmittel der Parteileitung mit allen Ebenen der Organisation konzipiert. Objektive Information über das aktuelle Geschehen war nicht die Aufgabe der Parteizeitung. Die Berichterstattung über die vielfältigen eigenen Aktivitäten diente der Selbstbestätigung und war zugleich Ansporn für noch stärkeres Engagement.

          Sprachduktus und Soziolekt dieses Teils des politischen Spektrums sind schwer in eine andere Sprache zu übersetzen und verlieren dabei einen Teil ihrer Eigentümlichkeit. Mühlberger ist es aber gelungen, den Texten ein hohes Maß an Authentizität zu erhalten. Der Dokumentensammlung ist eine geraffte, aber nicht zu knappe Einführung über Geschichte und Bedeutung des "Völkischen Beobachters" vorangestellt und spiegelt den aktuellen Diskussionsstand der historischen Forschung wider. Die Dokumente sind zu thematischen Gruppen zusammengefaßt, von denen jede ebenfalls eingeleitet ist. Die Quellentexte selbst sind sparsam mit Verständnishilfen und guten biographischen Angaben versehen. Die eigentliche Leistung besteht in der sorgfältigen und repräsentativen Auswahl der Beispiele sowie deren Übersetzung.

          Der erste Band, "Organisation & Development", teilt die Organisationsgeschichte in acht chronologisch aufeinanderfolgende Entwicklungsabschnitte zwischen 1920 und 1933. Hier finden sich in erster Linie Aufrufe, Befehle und Berichterstattung über Parteiaktivitäten, die auch Einblicke in Propagandastrategien und -techniken erlauben. Der zweite Band, "Nazi Ideology and Propaganda", befaßt sich mit den von der Zeitung verbreiteten politischen Inhalten. In sechs Kapiteln werden der Kampf gegen das "Weimarer System" und der Rassismus sowie das Werben um die Arbeiter, den Mittelstand, die Bauern und die Frauen behandelt. Grundsatzartikel legten die Argumentationslinien fest, und auch die Kommentare zur aktuellen politischen Lage dienten dazu, weltanschauliche Inhalte zu verbreiten.

          Zielgruppen dieser Edition sind wahrscheinlich Studenten und interessierte Laien, die des Deutschen nicht mächtig sind, sich aber doch intensiver mit dem Problem auseinandersetzen wollen. Der deutsche Nutzer kann aus dieser Quellensammlung natürlich nicht direkt zitieren, durch die thematische Ordnung läßt sich aber manch guter Hinweis auf geeignete Belegstellen finden.

          KLAUS A. LANKHEIT

          Detlef Mühlberger: Hitler's Voice. The Völkischer Beobachter, 1920-1933. Zwei Bände. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2005. 1083 S., 137,50 [Euro].

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