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: Die Stasi und das Kaffeekännchen

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Für eine Rehabilitierung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) stellen sich hochrangige Ex-Stasi-Offiziere aus der Hauptverwaltung Aufklärung und der Spionageabwehr zur Verfügung, um unverdrossen ihren "Friedensdienst" im Kalten Krieg zu verklären. Unterstützung erhalten sie dabei von unerwarteter Seite.

          Für eine Rehabilitierung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) stellen sich hochrangige Ex-Stasi-Offiziere aus der Hauptverwaltung Aufklärung und der Spionageabwehr zur Verfügung, um unverdrossen ihren "Friedensdienst" im Kalten Krieg zu verklären. Unterstützung erhalten sie dabei von unerwarteter Seite. Fünf in der DDR verurteilte und inhaftierte West-Agenten äußern sich voller Verständnis für ihre einstigen Gegenspieler. Sie schildern in bemerkenswert salopper Weise ihre Lebensgeschichte, die Anwerbung und die Unterweisung in konspirative Techniken, ihre Festnahme, die anschließenden Stasi-Verhöre sowie ihre als fair empfundenen Prozesse und Haftbedingungen. Sie lamentieren indes heftig über das Verhalten ihrer früheren Auftraggeber, die sie "verführt" und die ihr Versprechen nicht eingehalten hätten, im Falle einer Verhaftung umgehend für ihre Freilassung zu sorgen. Außerdem habe man sie um Teile ihres Agentenlohns betrogen und sie nach ihrer Entlassung beruflich nicht unterstützt. Allzu gering können die Vergütungen jedoch nicht ausgefallen sein. So beklagt beispielsweise ein verurteilter DDR-Bürger, dass sein "fast nagelneuer Golf" eingezogen wurde.

          Spiritus Rector dieser Bekenntnisse ist der Österreicher Hannes Sieberer. Er hat sich bereits vor drei Jahren zusammen mit seinem ihm heute freundschaftlich verbundenen damaligen MfS-Untersuchungsführer geoutet. Dem Gemeinschaftswerk gaben sie den programmatischen Titel: "Verheizt und vergessen. Ein US-Agent und die DDR-Spionageabwehr". Sieberer gibt an, von 1976 bis zu seiner Festnahme 1982 in der DDR als Führungsoffizier eines entfernten Rostocker Verwandten für die Military Intelligence, den Geheimdienst der US Army, tätig gewesen zu sein. Angeworben habe man ihn jedoch unter der Flagge der CIA. 1983 verurteilte ihn das Ost-Berliner Militärobergericht wegen Spionage im besonders schweren Fall zu 15 Jahren Haft, die er in der vom MfS kontrollierten Sonderhaftanstalt Bautzen II antrat. Seine Freilassung erfolgte im Zuge eines spektakulären Agentenaustauschs am 11. Juni 1985 auf der Glienicker Brücke. Er gehörte zu einer Gruppe von 25 für amerikanische Dienste tätig gewesene Agenten, die als "kleine Fische" gegen vier hochkarätige Ost-Spione ausgetauscht wurden.

          Offenbar bereitete es Sieberer Probleme, unter seinen Bautzener Mithäftlingen geeignete Mitwirkende für sein durchsichtiges Vorhaben zu gewinnen. Haftkameraden, die für den BND gearbeitet hatten, verweigerten sich ihm komplett, weil sie sich nicht "verheizt" gefühlt hätten. Sie verspürten keine Lust, sich als Propagandisten für munter gewordene Stasi-Seilschaften vor den Karren spannen zu lassen. Übrig blieben für Sieberer nur vier Mitstreiter. Dazu zählt ein bei den Amerikanern in Stuttgart beschäftigter Kraftfahrer, der seine Thüringer Verwandten zur Aufklärung militärischer Objekte angeworben hatte. Weiterhin beteiligten sich ein West-Berliner, der Tagesfahrten nach Frankfurt (Oder) unternahm, um Kasernen, Panzer und Militärpersonal auszuspähen, sowie ein in West-Berlin lebender Deutsch-Türke, der als Mitglied der "Grauen Wölfe" angeblich von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte "gechartert" wurde, um Utensilien für eine geplante Ballonflucht in den Ostsektor zu verbringen. Seinen vierten, narzisstisch schwadronierenden Mitautor - einen Ost-Berliner Kfz-Ingenieur - kannte Siebert nicht aus Bautzen, weil der in Berlin-Pankow wegen Militärspionage im Gefängnis saß.

          Auch wenn es zutrifft, dass sich in der DDR die Haftbedingungen für politische Gefangene in den achtziger Jahren verbessert hatten, erstaunt doch die Fürsorge, die einem der Autoren in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen nach der Freistunde widerfahren sein soll: "Als ich zurückkam, hatte jemand ein Geschirrtuch um das Kaffeekännchen geschlungen, damit es nicht kalt wurde." Mit Empörung reagieren die Verfasser auf die "Hetze" von Mitgefangenen, die zur gleichen Zeit in Bautzen II andere Erfahrungen gemacht haben. Schließlich gab es dort weiterhin physische und vor allem psychische Gewaltanwendung bis hin zu ungeklärten Todesfällen. Der von den Autoren geschätzte Oberleutnant "Bobby" - das war der Spitzname für ihren "Erzieher" - erhielt 1993 eine Bewährungs- und Geldstrafe wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung. Das ist für Sieberer unverständlich, denn "Bobby" war für ihn "brummig, wortkarg, aber gutartig und korrekt".

          GUNTER HOLZWEISSIG

          Hannes Sieberer (Herausgeber): Als Agent hinterm Eisernen Vorhang. Fünf West-Spione über ihre DDR-Erfahrungen. Verlag Edition Ost, Berlin 2008. 224 S., 14,90 [Euro].

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