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: Die Privatkrieger

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Noch im Dreißigjährigen Krieg und bis ins 18. Jahrhundert hinein galt der Soldatenberuf als eine Tätigkeit ohne irgendwelche nationalen oder staatlichen Loyalitäten. Zwangsrekrutierte Soldaten hatten wirklich keinen Grund dazu; und die Freiwilligen und Berufssoldaten verdingten sich, wo es ihnen am günstigsten erschien.

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          Noch im Dreißigjährigen Krieg und bis ins 18. Jahrhundert hinein galt der Soldatenberuf als eine Tätigkeit ohne irgendwelche nationalen oder staatlichen Loyalitäten. Zwangsrekrutierte Soldaten hatten wirklich keinen Grund dazu; und die Freiwilligen und Berufssoldaten verdingten sich, wo es ihnen am günstigsten erschien. Erst seit der Französischen Revolution wurde mit dem Aufstieg des Nationalismus als hochwirksamer Integrationsideologie der Militärdienst zu einer patriotischen Angelegenheit. Söldner, also Soldaten ohne innere Bindung an die eigene Nation, die ihre Dienste auch anderen militärischen Auftraggebern auf Zeit verkaufen, wurden zu einer wenig angesehenen Ausnahme.

          Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Verantwortlich dafür sind viele Entwicklungen: In einigen Weltgegenden entstanden schwache Staaten und staatsfreie Zonen, in denen die Macht, die aus den Gewehrläufen kommt, nicht bei den Regierungen liegt, sondern bei privaten Kriegsherren, den Warlords. Neue Kriege, in denen es um intensive ethnische und religiöse Rivalitäten geht, ziehen Individuen aus aller Welt an, teils aus ideellen, teils aus materiellen Gründen. Das trifft auch auf die transnationalen Terrornetzwerke zu. Viele westliche Streitkräfte sind dazu übergegangen, etliche vormilitärische oder militärische Funktionen zu privatisieren. Outsourcing heißt das. Der Einsatz von kurzfristig angeheuertem Personal erscheint häufig billiger. Und auch innerhalb moderner Gesellschaften, gleichviel ob stabil oder eher fragil, ist der Bedarf nach physischer Sicherheit angestiegen. Neben Militär und Polizei sind es immer mehr private Sicherheitsfirmen, die diesen Bedarf zu decken versprechen.

          Das alles summiert sich zu einer zwiespältigen Entwicklung, die aber von den jeweiligen lokalen Umständen bestimmt wird, so dass es ziemlich schwierig ist, sie in ihrer Gesamtheit angemessen zu beschreiben. Das versucht Franz Hutsch auch erst gar nicht richtig. Nach einigen Jahren als Offizier der Bundeswehr wurde Hutsch Kriegsreporter für verschiedene Medien. Die Kriegsschauplätze im Balkan, in Sierra Leone, im Irak und in Afghanistan kennt er aus eigenem Erleben. Sein Buch ist immer dann eine spannende und aufschlussreiche Lektüre, wenn darin sozusagen direkt vor Ort berichtet wird, sei es über eine Späherfahrt von Bagdad nach Al-Tarmiya oder eine Unterhaltung mit einem privaten Usama-Bin-Ladin-Jäger, der sich einen Anteil der Kopfprämie verspricht.

          Weniger gut gelungen sind die Komposition des Buches, seine reißerische Vermarktungsthese und sein allgemeiner, quasi theoretischer Teil. Aus dem Titel des Buches soll ja hervorgehen, dass deutsche Söldner heute im internationalen Geschäft privater Sicherheit eine wichtige Rolle spielen. Tun sie aber ganz und gar nicht, weder was die Zahl der Privatkrieger (oder Contractors, wie der amerikanische Ausdruck lautet) betrifft, noch die Zahl der Sicherheitsfirmen. Formulierungen wie "Deutschland exportiert den Tod" sind fies und unfair. Zumal eine Reihe der vorgestellten "Söldner" genau das Gegenteil versuchen, nämlich nach ihrer Ausbildung in pakistanischen Terrorlagern den Tod nach Deutschland zu importieren. Ob die längeren Passagen des Buches überhaupt hierher gehören, in denen es um die "deutschen Islamisten" und die Indoktrinierung junger Muslime in bestimmten Madrassen Pakistans geht, ist mehr als fraglich. Jedenfalls passen sie nicht so recht zu den gut recherchierten Informationen über den Dienstbetrieb bei Firmen wie Blackwater oder anderen.

          Das vielschichtige Phänomen des Aufstiegs privater Sicherheitsfirmen wird von Hutsch nicht ernsthaft analysiert. Stattdessen mutet er seinen Lesern eine Menge plakativer Aussagen zu, die in sich widersprüchlich, schief und zuweilen auch einfach falsch sind. Von den geschätzten 4000 Deutschen, die als eine Art Ich-AG in Krisengebieten tätig sind, wird etwa behauptet, das deutsche Parlament gestatte ihnen stillschweigend eine eigene Außenpolitik an der Bundesregierung vorbei. Auch die Prognose, dass in den nächsten 15 bis 20 Jahren "komplette Kriege von Söldnerarmeen ausgetragen werden", ohne dass die Staaten auf ihren Ausbruch oder gar ihr Ende Einfluss nehmen könnten, ist spekulativ und spektakulär aufgeblasen.

          WILFRIED VON BREDOW

          Franz Hutsch: Exportschlager Tod. Deutsche Söldner als Handlanger des Krieges. Econ Verlag, Berlin 2009. 278 S., 18,90 [Euro].

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