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: Die Karrieristen von der Wilhelmstraße

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Vor fünf Jahren erschütterte Joseph Fischer das Selbstverständnis des Auswärtigen Amts (AA) mit einer neuen Form des Totengedenkens. Früheren Mitgliedern der NSDAP sollte generell der Nachruf verwehrt werden. Schließlich lenkte er ein, zumal sein Haus eingestehen musste, dass man die früheren Außenminister ...

          Vor fünf Jahren erschütterte Joseph Fischer das Selbstverständnis des Auswärtigen Amts (AA) mit einer neuen Form des Totengedenkens. Früheren Mitgliedern der NSDAP sollte generell der Nachruf verwehrt werden. Schließlich lenkte er ein, zumal sein Haus eingestehen musste, dass man die früheren Außenminister Scheel und Genscher im Falle des Falles trotz NSDAP-Mitgliedschaft angemessen ehren wolle. Zudem setzte Fischer eine "Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Rolle des Auswärtigen Dienstes während des nationalsozialistischen Regimes und des Umgangs mit dieser Vergangenheit nach 1945" ein.

          Dafür sind bisher rund drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt worden; in diesem Herbst liegen die Ergebnisse vor. Schon trötet ein Verlag: Der Mythos, dass das AA "ein Hort des Widerstandes" gewesen sei, werde zerstört, die Einbindung "in die Gewaltpolitik des NS-Regimes" aufgezeigt. Diese unangenehme Botschaft ist eigentlich ziemlich abgestanden. Erstaunlich ist ein anderes Werbe-Lob: "gestützt auf zahlreiche bis heute unter Verschluss gehaltene Akten", heißt es geheimnisvoll. Da steigt die Spannung wie bei einem Hitchcock-Film, zumal wenn einer weiß, was alles bereits an Unterlagen zugänglich war, als der 1944 geborene Christopher R. Browning in den siebziger Jahren an seinem Erstling arbeitete. Seine brillante Doktorarbeit über die Männer vom Referat D III der "Abteilung Deutschland" im AA erschien 1978 bei Holmes & Meier unter dem Titel "The Final Solution and the German Foreign Office". Er wertete die "Inland II"-Bestände des Politischen Archivs aus und die Handakten von Unterstaatssekretär Martin Luther, des Leiters der "Abteilung Deutschland", außerdem Akten aus Prozessen der Nachkriegszeit gegen Referatsleiter Franz Rademacher und dessen Mitarbeiter Fritz-Gebhardt von Hahn und Herbert Müller.

          Browning schilderte nach Staaten geordnet, wann, an welchen Orten und in welchem Umfang das Referat D III an Deportationen mitwirkte. Darüber hinaus wollte er den Informationsstand der D-III-Leute rekonstruieren. Inwieweit war ihnen das Schicksal der Juden bekannt, insbesondere in der zweiten Jahreshälfte 1941, als die Einsatzgruppen in der Sowjetunion wüteten? Was waren ihre Motive? Nicht der Antisemitismus - so der Autor - war die treibende Kraft, auch nicht der Gehorsam, der den Deutschen oft unterstellt wird. Vielmehr wollten die "jungen Leute" um Unterstaatssekretär Luther den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop stürzen. Dies war Luther höchst willkommen. Der Vorstoß schlug aber fehl, so dass Luther ins Konzentrationslager kam (Verhaftung am 10. Februar 1943) und viele seiner Mitarbeiter sich statt am Schreibtisch an der Front bewähren durften.

          Nicht einmal Angst musste den D-III-Mitarbeitern eingeflößt werden durch Androhung von physischer Gewalt, damit sie bei der "Endlösung" mitmachten. Denn sie interessierte alle nur eines: die eigene Karriere. Deshalb waren sie auch der NSDAP beigetreten. Während die "Judenexperten" eher passive Karrieristen waren, verhielt sich Luther aktiv und dynamisch. Ihm ging es um Einfluss und Macht, um verlorenes Terrain für das AA (das als Folge des Krieges fast ausschließlich mit besetzten Ländern und Satellitenstaaten zu tun hatte) zurückzugewinnen im inneren "Machtkampf".

          Eine andere Gruppe des AA wird nicht ausdrücklich untersucht, kommt aber immer wieder vor: die "alte Garde" mit Staatssekretär Ernst von Weizsäcker und Unterstaatssekretär Ernst Woermann an der Spitze. Browning arbeitet heraus, wie präzise beide durch Berichte der Einsatzgruppen 1941 über zigtausendfache Erschießungen in der Sowjetunion informiert waren. Berichte von einer beispiellosen Unmenschlichkeit wurden ebenso mit Initialen versehen wie Anfragen wegen Deportationen aus besetzten oder aus vom Deutschen Reich abhängigen Staaten in Richtung Osten.

          Browning räumt aufgrund der Quellen ein, dass es bei der "alten Garde" gewisser Gedankensprünge bedurfte, um den Massenmord mit voller Schärfe zu erkennen, weil über die zweite Phase der "Endlösung" - Deportationen und Vernichtungslager (im Gegensatz zur ersten: Erschießungen und fahrbare Gaswagen der Einsatzkommandos) - die Diplomaten nicht in aller Offenheit unterrichtet wurden und sich wohl auch selbst nicht nach dem Verbleib der Deportierten erkundigten. Gerade weil die Herren von der Wilhelmstraße die Aktionen der Einsatzgruppen genau kannten, lagen Analogieschlüsse nahe. In der zweiten Jahreshälfte 1941 schaltete sich die traditionelle Elite auch ein, wenn durch Verschleppungen von Juden mit nord- oder südamerikanischer Staatsbürgerschaft diplomatische Verwicklungen drohten. Schließlich "dankten" sie ab und überließen Luther das Feld. Brownings zentrale These lautete: Eine Befehlsstruktur, die den Gehorsam für die Anordnungen des "Führers" gewährleisten sollte, war überflüssig. Initiativen von unten erübrigten Anordnungen von oben, wenn Karrieristen und Machtbesessene den eigenen Aufstieg mit Hitlers Untaten in Übereinstimmung bringen konnten.

          Jetzt endlich, 32 Jahre nach der amerikanischen Ausgabe, liegt eine Übersetzung des Buchs vor, sogar "gedruckt mit freundlicher Unterstützung" des AA. Im Vorwort erwähnt der Leiter der Forschungsabteilung am Holocaust Memorial Museum in Washington, Jürgen Matthäus, auch die Historikerkommission. Deren Ergebnis müsse "sich nicht zuletzt an Brownings Studie messen lassen". Wie wahr! Darüber hinaus wüsste man gern, warum der bedeutende Holocaust-Forscher und Kenner der braunen Abgründe der Wilhelmstraße nicht 2005 in Fischers fünfköpfiges Gremium berufen worden ist. "Der Mann, der zu viel wusste" - so lautet ein auf Browning passender Filmtitel.

          RAINER BLASIUS

          Christopher R. Browning: Die "Endlösung" und das Auswärtige Amt. Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940-1943. Aus dem Amerikanischen von Claudia Kotte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010. 320 S., 49,90 [Euro]

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