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: Die Heimkehrer-Legende

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Nicht Konrad Adenauer hat sich 1955 in Moskau um die Heimkehr deutscher Kriegsgefangener und Zivilinternierter aus der Sowjetunion verdient gemacht - nein: Wilhelm Pieck ist's gewesen. Das in etwa ist die Kernthese. Der heute 83 Jahre alte Hans Reichelt ist nach seinen glücklosen Tagen als Blockpolitiker, Landwirtschafts- ...

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          Nicht Konrad Adenauer hat sich 1955 in Moskau um die Heimkehr deutscher Kriegsgefangener und Zivilinternierter aus der Sowjetunion verdient gemacht - nein: Wilhelm Pieck ist's gewesen. Das in etwa ist die Kernthese. Der heute 83 Jahre alte Hans Reichelt ist nach seinen glücklosen Tagen als Blockpolitiker, Landwirtschafts- und Umweltminister der DDR nun unter die Zeithistoriker gegangen und widmet sich 18 Jahre nach dem Zusammenbruch der zweiten deutschen Diktatur der historisch längst klargestellten Frage, was die SED in der Nachkriegszeit für die Kriegsheimkehrer aus Russland getan haben will.

          Mit seiner von penetranter Parteilichkeit durchtränkten Publikation, die eigene Erfahrungen und Erlebnisse in den Kriegsgefangenenlagern Stalins mit purer Geschichtspropaganda vermengt, ergänzt durch einen schmalen Anhang ausgesuchter, keineswegs neuer Dokumente aus russischen und deutschen Archiven, will der Autor seine Version glaubhaft machen. "Wir haben in dieser Frage bereits seit Jahren still, selbstlos und erfolgreich gearbeitet", zitiert er Otto Grotewohl aus dem Jahre 1955, "als Herr Adenauer noch bis über beide Ohren in seiner maßlosen Hetze über die sogenannte Kriegsgefangenenfrage steckte." So werden Legenden kreiert.

          Einer Tass-Erklärung vom 4. Mai 1950 zufolge hätte die Sowjetunion bis zu diesem Zeitpunkt alle deutschen Kriegsgefangenen entlassen. Zurückgehalten wären nur mehr "verurteilte Kriegsverbrecher" - eine eklatante Unwahrheit. Dennoch hat sie die SED in ihrer Agitation kritiklos übernommen. Reichelt beharrt auf ihr. Am 7. Juni 1955 informiert N. S. Chruschtschow, Erster Sekretär des ZK der KPdSU, die Genossen in Ost-Berlin von der Absicht, die Beziehungen zur Bundesrepublik auf eine neue Basis zu stellen. Ein Vierteljahr später, vom 9. bis 13. September, reist Bundeskanzler Adenauer auf Einladung zum Staatsbesuch in die Sowjetmetropole. Seine Bedingung für die Herstellung diplomatischer Beziehungen Bonn-Moskau: unverzügliche Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten. 9626 werden namentlich gemacht. Die Russen sagen zu. Und sie halten Wort. Was aber hatte die SED-Führung damit zu tun? Gewiss war auch sie in dem Jahrzehnt zuvor in Moskau um die Kriegsgefangenen bemüht gewesen, doch was hatte sie erreicht? Soweit Entlassungen erfolgten, hatten die Sowjets einseitig darüber entschieden. Mit den Genossen in Ost-Berlin wurde nicht verhandelt. Ohne Adenauers Verlangen - darüber ist sich die Forschung weithin einig - wären die in der UdSSR festgehaltenen Gefangenen im Herbst 1955 und Frühjahr 1956 wohl noch nicht so bald heimgekehrt. Dass unter den Entlassenen auch mehrere tausend in der SBZ/DDR von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Oppositionelle und Widerständler waren, verschweigt der Autor. Zu seinem Thema kam er als Betroffener. Als zwanzigjähriger Panzerjägerleutnant in der Tschechoslowakei gefangen genommen, wird er in die Sowjetunion deportiert, in das Kriegsgefangenenlager Tscherepowez im Gebiet Wologda. Hier wird er zum Holzfällen und im Straßenbau eingesetzt. Im Lager absolviert er später zwei Antifa-Lehrgänge. Ende 1949 wird er, nun ein überzeugter Kommunist, entlassen. Als "Heimkehrerkader" tritt er weisungsgemäß der Demokratischen Bauernpartei bei. "Man braucht auch in der Bauernpartei Kommunisten", wird ihm erklärt. So ist seine Karriere politisch vorprogrammiert.

          Was das Pieck, Ulbricht und Grotewohl zugeschriebene Engagement für deutsche Gefangene in russischer Hand anbelangt - sie haben in der Nachkriegszeit ungerührt zugesehen, wie Tausende Verurteilte sowjetischer Militärtribunale aus der SBZ/DDR bis hinein in die fünfziger Jahre in Stalins Zwangsarbeitslager verbracht wurden. Viele davon durften erst 1955/56 heimkehren - oppositionelle Studenten, Sozialdemokraten, Bürgerliche, verurteilt als "Konterrevolutionäre", keine Kriegsverbrecher. Die SED schwieg dazu ebenso wie zu dem Fakt, dass über 2200 in der SBZ/DDR von Sowjetgerichten Verurteilte erschossen wurden. Die letzten in Moskau noch 1953. Bei Reichelt dazu kein Wort. Und ausgerechnet diejenigen, die das wortlos geschehen ließen, sollen sich erfolgreich für Kriegs- und Zivilgefangene eingesetzt haben?

          KARL WILHELM FRICKE

          Hans Reichelt: Die deutschen Kriegsheimkehrer. Was hat die DDR für sie getan? Unter Mitarbeit von Elisabeth Ittershagen und Frank Schumann. edition ost im Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2007. 224 S.,14,90 [Euro].

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