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: Die Endphase des Alles oder Nichts

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Spätestens nach dem Zusammenbruch der Ostfront und der gelungenen Landung der Westalliierten in der Normandie im Sommer 1944 bestand für Deutschland keinerlei Aussicht mehr, der bedingungslosen Kapitulation zu entgehen - für den Reichskanzler übrigens eine bedeutungslose Forderung, denn seit Jahren hatte er ja verkündet, "nie, nie, niemals" zu kapitulieren. Warum sollten sich die Siegermächte denn 5 vor 12 der Chance begeben, dem deutschen Barbarentum ein Ende zu machen und die unruhige Mitte Europas endgültig still zu stellen?

Kein Verantwortlicher konnte zu diesem Zeitpunkt noch ernstlich dem Wunderglauben auf Errettung anhängen, mit dem die NS-Propaganda ihre hauptsächlich mit dem eigenen Überleben beschäftigten Volksgenossen zu narkotisieren versuchte. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 fand niemand mehr den Mut, in das mit verstärktem Terror gesicherte Räderwerk zu greifen, das bis zu seinem augenblicklichen Stillstand nach Hitlers Tod in besinnungsloser Routine der "Heimatfront" und der Front ablief, die zum Entsetzen der Bevölkerung nun eins wurden. Die beiden Bände schildern dieses Drama genauso anschaulich und akribisch wie den Vormarsch der feindlichen Armeen an die Elbe.

Der Preis für diese Art Untergang, der in Hitlers biologistischem Geschichtsverständnis nur folgerichtig war, da sich das deutsche Volk eben "als das schwächere erwiesen" hatte, war immens: Eine kaum noch bewegungsfähige, mit vernichtender Feuerkraft zusammengeschossene Wehrmacht hatte im letzten Kriegsjahr den höchsten Blutzoll der deutschen Militärgeschichte zu entrichten. "Jeder zweite während des Krieges umgekommene Soldat starb in der Schlussphase." 70 Prozent aller Bomben fielen in den letzten zehn Monaten auf das Land. Bei der sowjetischen Eroberung Berlins Ende April 1945 kamen mehr als jene 50 000 Einwohner um, die bei alliierten Luftangriffen ihr Leben ließen. Und dann ist da die Gewaltorgie der Roten Armee gegenüber der ostdeutschen Bevölkerung, der vandalische Einmarsch eines rächenden Feindes, der von Manfred Zeidler in einem umfassenden Überblick adäquat behandelt wird.

Die Beiträge in Band 10, die zum Teil über das Kriegsende hinausgehen und Flucht und Vertreibung ebenso behandeln wie etwa die Anfänge des Wiederaufbaus oder die alliierte Deutschland-Politik, unterstreichen sehr klar, dass es ein entsetzliches Kriegsende Ost und ein vergleichsweise glimpfliches Kriegsende West mit fortwirkenden Folgen für die Systemakzeptanz in beiden deutschen Staaten gegeben hat. Gerade nach der Wiedervereinigung ist dieses ungleiche Schicksal lebendig zu halten.

Helmuth James von Moltke, herausragende Figur des Widerstands gegen Hitler, sah in der vernichtenden Niederlage die Voraussetzung für eine Umkehr und für einen wirklichen Neuanfang in Deutschland. Historisch ist das wohl richtig. Die Leidtragenden des "letzten deutschen Krieges" (Müller) konnten es so nicht sehen. Diese Spannung bleibt unaufhebbar, aber sie schwächt sich ab. Die nun vollendete Weltkriegsgeschichte des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr, eine der großen Leistungen der Geschichtswissenschaft unserer Zeit, erinnert bleibend an die Katastrophe für die Welt und für Deutschland, von wo sie 1933 ihren Ausgang nahm.

KLAUS-DIETMAR HENKE.

Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 10: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Herausgegeben von Rolf-Dieter Müller. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. Zwei Halbbände, 986 S. und 800 S., je 49,80 [Euro].

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