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: Die Endphase des Alles oder Nichts

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Sehr überzeugend zeichnet das Potsdamer Werk nach, wie der militärstrategisch ausgesucht dilettantische, aber politisch starke Diktator Adolf Hitler bis zuletzt der Motor der aus einem hohen Grad volksgemeinschaftlicher Integration und aus herrenmenschlichem Sonderbewusstsein gespeisten deutschen Energieentfaltung blieb, obwohl der "Führer" seit Dezember 1941 wusste, dass er seinen Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Es wird gezeigt, wie hoch die rein militärische Effizienz der Wehrmacht im Kampf mit einem schlechterdings nicht besiegbaren, über ein schier unerschöpfliches Arsenal gebietenden Gegner zu veranschlagen ist; weshalb die Luftwaffe versagen musste und dem unterschiedslosen Bombenkrieg der britischen Royal Air Force gegen Zivilisten, der fast ein Viertel der knapp 1,2 Millionen deutschen zivilen Opfer forderte ("ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit"), nichts entgegenzusetzen hatte; wie die Marine unter dem Durchhalte-Großadmiral Dönitz unter horrenden Verlusten von einem Desaster zum nächsten taumelte; wie "unnütze Esser" deutscher Staatsbürgerschaft "ausgemerzt" und Zwangsarbeiter aus ganz Europa zunehmend "verheizt" wurden; wie abwegig schließlich die Behauptung ist, Deutschland habe im Sommer 1941 einem Überfall Stalins durch einen Präventivkrieg zuvorkommen müssen.

Überhaupt der Osten, der deutsche Vernichtungsfuror dort und der Judenmord in seinem Schatten, das Kerngeschehen des Weltanschauungskrieges: Sehr früh, Jahre vor dem Rummel um die "Wehrmachtsausstellung", hatten die Historiker des MGFA bereits gezeigt, dass der Krieg im Osten von der Wehrmachtsführung ganz im Sinne des nationalsozialistischen Rasseimperialismus als Vernichtungskrieg geplant und auch genauso geführt worden ist; dass die berüchtigten verbrecherischen Befehle im Vorfeld des Überfalls auf die Sowjetunion auf die hohe Generalität zurückgehen; dass der Tod von "zig Millionen" Sowjetbürgern Teil der Feldzugsplanung war und die deutsche Militärführung das Massensterben russischer Kriegsgefangener ebenfalls billigend in Kauf nahm. 1944/45 schließlich taten sich zu viele Wehrmachtsoffiziere im Verein mit SS-Kommandos und NSDAP-Desperados auch noch im Terror gegen die erschöpften eigenen Soldaten und Zivilisten hervor. Nach der gewalttätigsten Auseinandersetzung der Geschichte und dem Untergang des NS-Regimes war das politische Verantwortungsbewusstsein und die "moralische Integrität" der deutschen militärischen Elite "weitgehend zerstört", schreibt Rolf-Dieter Müller, Leiter des Großprojekts während der Abschlussphase, in seiner eindringlichen Bilanz als Herausgeber von Band 10.

Das Jahr 1944/45, als die Aggression des Deutschen Reiches in Europa in einem zuvor unvorstellbaren Ausmaß auf die eigenen Bürger zurückschlug, wird in der Geschichte nicht nur das als Ende des alten Deutschlands und als welthistorische Zeitenwende vermerkt bleiben, sondern auch als Lehrstück einer vollkommen unsinnigen Kriegsanstrengung. Band 10 und der vorhergehende Band (zusammen beinahe ein Drittel des Gesamtwerkes) weisen dies in wünschenswerter Deutlichkeit nach. Die Akzentsetzung auf das Kriegsende und die Verfassung einer demoralisierten und nachgerade atomisierten Kriegsgesellschaft im Zusammenbruch ist zum einen von Belang, weil dieses Desaster immerhin die Vorgeschichte der Nachkriegsgeschichte war. Zum anderen wird der Nationalsozialismus erst von seinem Ende her ganz verständlich. Im Kampf "bis 5 nach 12" offenbarte er seinen prinzipiell destruktiven, nichtrationalen Wesenskern. In der Endphase des Alles oder Nichts, des autistischen Vabanque, das auch Hitlers Aufstieg kennzeichnete, in der verschärften Ideologisierung aller Lebensbereiche, wo anfangs mancher Herrschaftskompromiss zu schließen war, fand der Nationalsozialismus zu sich selbst zurück.

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