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: Die deutsche Revolution von 1953?

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Bernd Eisenfeld/Ilko-Sascha Kowalczuk/Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte. Edition Temmen, Bremen 2004. 847 Seiten, 29,90 [Euro].Ist über den 17. Juni 1953 mittlerweile nicht alles gesagt? Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk und ...

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          Bernd Eisenfeld/Ilko-Sascha Kowalczuk/Ehrhart Neubert: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte. Edition Temmen, Bremen 2004. 847 Seiten, 29,90 [Euro].

          Ist über den 17. Juni 1953 mittlerweile nicht alles gesagt? Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk und Ehrhart Neubert, Mitarbeiter der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde, sind anderer Meinung. Dabei geht es ihnen weniger um das Ereignis selbst als um eine möglichst umfassende Rezeptionsgeschichte - also um den historischen Ort des Aufstands und den vielschichtigen Umgang damit in den vergangenen 50 Jahren. Ihrem Buch legen sie eine Interpretation zugrunde, die alles andere als unumstritten ist: Sie begreifen den 17. Juni 1953 als eine Revolution, der ein würdiger Platz unter den deutschen Revolutionen und Freiheitskämpfen gebührt.

          Aus dem "Strohfeuer" öffentlichen Gedenkens von 2003 müsse "eine feste Größe im Erinnerungskanon werden". Ziel ist es, den Juni-Aufstand als ostdeutsche Gründungslegende der neuen Bundesrepublik zu etablieren, die - ohne verharmlosen oder relativieren zu wollen - neben Auschwitz als "Gründungslegende ex negativo der Bundesrepublik" gestellt werden soll. Auch in der europäischen Erinnerungskultur wollen die Autoren den 17. Juni verankern. Dabei betrachten sie einerseits eine Bezugnahme auf die Französische Revolution von 1789 als "historisch durchaus legitim". Andererseits sehen sie dessen europäische Dimension "vor allem durch seine Verankerung in der Freiheitsgeschichte Ostmitteleuropas gegeben". Ihr wesentliches Anliegen ist also weniger geschichtswissenschaftlich, sondern vielmehr geschichtspolitisch. Dies bringt es mit sich, daß sie keineswegs immer verdeutlichen können, "wo der denkende Forscher aufhört und der wollende Mensch anfängt zu sprechen" (Max Weber).

          Das beginnt mit der Charakterisierung des 17. Juni als Revolution - dem Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation. Diese Erörterung fällt denkbar knapp aus und kommt nicht ohne Verbiegungen aus. In diesem Zusammenhang stimmen sie der Definition des Rezensenten - "ein im Kern von Arbeitern getragener Volksaufstand mit revolutionären Zügen" - zwar zu. Aber sie fahren fort: "Wenn das Adjektiv ,revolutionär' ernst genommen wird, erweist sich der Begriff ,Revolution' oder ,gescheiterte Revolution' als Kurzformel, die den politischen Gehalt der Erhebung einschließt." Logisch ist das nicht, aber kennzeichnend für das Vorgehen der Autoren.

          Behandelt wird der 17. Juni zunächst im Kontext von Herrschaft und Widerstand in der DDR. Für die Machthaber sei er stets ein "Trauma" geblieben. Einerseits habe sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) vor allem anläßlich der Jahrestage des Aufstands gewappnet; andererseits habe das Regime die Schlußfolgerung gezogen, den Arbeitern so weit entgegenzukommen, daß es nie wieder zu einer ähnlichen Eskalation wie 1953 kommen konnte. Auch die Sozialpolitik Honeckers ab Anfang der siebziger Jahre wird dafür als Beleg angeführt; diese war indes vor allem auf die polnischen Arbeiterunruhen von 1970 zurückzuführen. Für widerständige Milieus habe der Aufstand zunächst eine große Rolle gespielt, was unter anderem an Flugblättern und Losungen deutlich werde, die sich auf dieses Ereignis bezogen hätten. Widerspruchsfrei ist auch hier die Argumentation nicht, da zum einen aus diesen Befunden "ein Strang der Erinnerung" konstruiert wird, "der in Ansätzen eine Tradition des Widerstands tragen konnte". Zum anderen wird zu Recht festgestellt, daß die Traditionslinien zwischen 1953 und 1989 auf seiten der staatskritischen Gruppierungen äußerst schwach ausgeprägt gewesen seien.

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