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: Die Anerkennung der DDR

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Zum 80. Geburtstag hat sich Hans Modrow ein Buch geschenkt, das ihm gut gefallen wird. Er hat es selbst geschrieben: "In historischer Mission. Als deutscher Politiker unterwegs". Es ist keine Autobiographie, und es will weder den Autor als sympathische Person schildern noch die eigenen Lebensentscheidungen plausibel darlegen.

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          Zum 80. Geburtstag hat sich Hans Modrow ein Buch geschenkt, das ihm gut gefallen wird. Er hat es selbst geschrieben: "In historischer Mission. Als deutscher Politiker unterwegs". Es ist keine Autobiographie, und es will weder den Autor als sympathische Person schildern noch die eigenen Lebensentscheidungen plausibel darlegen. Modrows Mission ist es, der DDR Legitimität zuzuschreiben - oder, außenpolitisch formuliert: Er will die Anerkennung der DDR. Weil aber dieser Staat längst untergegangen ist, anerkannt oder nicht, ist der Text unfassbar langweilig, und auch das lieblos geschriebene Vorwort von Oskar Lafontaine, der offenbar dasselbe Anliegen verfolgt, tröstet nicht: "Hans Modrow hat vier Jahrzehnte in der DDR Politik gemacht: geradlinig, bodenständig. Ein Parteisoldat, ohne die [sic] Parteien wie die SPD oder die SED nicht existieren konnten."

          Das Buch ist ein Geschenk Modrows an sich als Parteisoldat, aber auch an sein Milieu, das längst "die ehemalige Elite" repräsentiert, wie es Gregor Gysi kürzlich bei der Anhörung der Fraktion "Die Linke" zu Ostdeutschland formulierte. Modrow erwiderte, hinter ihm stünden "Hunderttausende", die scharf beobachten würden, wie ihre Interessen im Parlament vertreten würden. Doch innerhalb der alten PDS ist Modrow schon seit geraumer Zeit so ehemalig, wie es in der SED Erich Honecker im Herbst 1989 war.

          "In historischer Mission" richtet sich an Eingeweihte, nicht ans Publikum. Obwohl es vor Namen nur so wimmelt, erschwert es die Nutzung, indem es kein Personenregister bietet. Walter Momper etwa - zur Zeit des Mauerfalls Regierender Bürgermeister, heute Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses - taucht auf Seite 184 auf einem Bild von 1989 und auf Seite 185 mit einem Zitat aus "Neues Deutschland" von 2007 auf. Darin wird Mompers Ansicht referiert, wonach "der Begriff ,Stalinismus' inflationär gebraucht werde, in der Alltagssprache diffus und in der politischen Auseinandersetzung zur Diffamierung alles linken, sozialistischen Denkens". Dass Mompers Äußerungen gegenüber dem jungen Berliner PDS-Politiker Liebich fielen, der zu einer Debatte um das angemessene Gedenken an die Opfer des Stalinismus eingeladen hatte, erwähnt Modrow nicht.

          Weil die Revolution von 1989/90 auch Modrows Mission beendete, macht es wenig Spaß, ihn bei skurriler Zonen-Folklore oder der Verdrehung historischer Sachverhalte zu erwischen. Zum 50. Jahrestag des mit sowjetischer Hilfe niedergeschlagenen Aufstands im Juni 1953 fand Liebich die klassische Formulierung, nach der es "jedem Parteifreund zuzumuten ist, die eigenen Erinnerungen mit den historischen Dokumenten abzugleichen". Zwar zitiert Modrow gern "Geheimpapiere", gibt gar Signaturen für die Akten des SED-Parteiarchivs im Bundesarchiv an, doch hindert ihn das Aktenstudium nicht, über den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts 1968 in Prag entgegen der Aktenlage zu behaupten: "Die NVA war an der Operation nicht beteiligt. Walter Ulbricht wusste es zu verhindern, dass auch nur ein deutscher Soldat die Grenze überschritt."

          Wer wissen will, wie Modrow als SED-Politiker war, wird anderswo besser informiert. Der damalige Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer etwa entwarf 2007 in einem langen Gespräch mit dem Zeithistoriker Manfred Wilke für das "Jahrbuch für Kommunismusforschung" ein lebendiges Bild vom damaligen Anliegen Modrows, der von 1973 bis 1989 erster Sekretär der SED-Bezirksleitung war: Dieser habe das Ministerium für Staatssicherheit als Sündenbock für alles entdeckt, was in der DDR schlecht war, und eine Auseinandersetzung mit den Fehlern und Verbrechen der SED abgelehnt. Wer wissen will, wie das Leben in der DDR war, muss in Modrows Buch danach suchen. Ihm geht es vor allem um die frühen Jahre der DDR, die er mit dem Glanz des Neuanfangs versieht, und um die Begegnungen mit Parteikadern und Staatsmännern in fernen Ländern.

          Wer bis zum letzten Kapitel durchhält "Was ich der Linken mit auf den Weg geben möchte", wird mit einem Blick auf Modrows Persönlichkeit belohnt: Verächtlich und höhnisch kritisiert er die "Äußerung der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags mit rotem Haarschopf" - er meint seine Parteifreundin Petra Pau - zum Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze, keine Ideologie könne als Rechtfertigung dafür dienen, "Menschen zum Mord an anderen Menschen aufzufordern". Parteisoldat ist Modrow nur bezogen auf die SED. Die Funktionäre der Linkspartei haben bei seinem Projekt der "Souveränität des Umgangs mit der eigenen Geschichte" keine Rücksicht zu erwarten.

          MECHTHILD KÜPPER

          Hans Modrow: In historischer Mission. Als deutscher Politiker unterwegs. Edition Ost, Berlin 2007. 280 S., 14,90 [Euro].

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