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: Die andere Allianz

  • Aktualisiert am

Wer bei der Studentenrevolte der sechziger Jahre dabei gewesen ist und 2008 die "Jubiläumsbücher" gelesen hat, konnte wohl davon ausgehen, einiges, wenn auch nicht alles über die "68er" zu wissen. Worum ging es den Protestierenden damals? Um die Solidarisierung mit unterdrückten Völkern in Afrika, ...

          Wer bei der Studentenrevolte der sechziger Jahre dabei gewesen ist und 2008 die "Jubiläumsbücher" gelesen hat, konnte wohl davon ausgehen, einiges, wenn auch nicht alles über die "68er" zu wissen. Worum ging es den Protestierenden damals? Um die Solidarisierung mit unterdrückten Völkern in Afrika, Südamerika und Asien, um den Protest gegen autoritäre Strukturen in Staat und Gesellschaft, gegen den ihrer Meinung nach faschistischen und repressiven Staatsapparat in der Bundesrepublik, gegen den "Muff von tausend Jahren" unter den Talaren der Universitätsprofessoren. Es gab zudem die Massenhysterie der außerparlamentarischen Opposition mit Parolen wie "1933: Ermächtigungsgesetz - 1968: NS-Verfassung" gegen die von der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt geplanten Notstandsgesetze. Alles noch relativ friedlich.

          Aber dann wurde es radikaler: erst als Reaktion auf den Mord an dem Studenten Benno Ohnesorg 1967 durch (wie wir heute wissen) einen DDR-Spitzel, und nicht etwa einen Vertreter der "faschistischen Staatsmacht", dann Anfang 1968 durch Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser (mit dabei Gudrun Ensslin und Andreas Baader), schließlich durch den Mordanschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Und über allem die Proteste gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam. Man hat die Slogans noch im Ohr: "USA - SA - SS", "Amis raus aus Vietnam", "Waffen für den Vietcong" oder "Schafft zwei, drei, viele Vietnams", und natürlich "Ho, Ho, Ho Chi Minh". Der Protest war weltweit und nahm seinen Ausgang in den Vereinigten Staaten mit den ersten sogenannten Sit-ins 1965 gegen den Vietnamkrieg, mit Flower Power und Hippiebewegung in und um San Francisco.

          So weit, so gut. Und nun zu Martin Klimkes wissenschaftlichem Buch, Ergebnis einer zehnjährigen Forschungsarbeit mit über 1000 Anmerkungen. Es eröffnet eine neue Sichtweise auf die Studentenbewegung. Die eine Allianz kennt man: die Verbundenheit und das Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland im Kalten Krieg. Die andere, neue Allianz stellt Klimke vor: die Verbindung zwischen der amerikanischen und der deutschen Studentenbewegung. Man hätte das vermuten können, hätte man nur näher hingesehen. Das fängt schon bei den Kürzeln an: SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) hier, SDS (Students for a Democratic Society) dort.

          Die ersten Kontakte knüpfte bereits 1961 der Austauschstudent Michael Fester, damals stellvertretender SDS-Vorsitzender. Klimke zeigt, wie dann Rudi Dutschke die radikalen Elemente der amerikanischen Studentenbewegung - "direct action" - mehr und mehr übernahm. Klimke zeigt auch erstmals und überzeugend die Einflüsse der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und vor allem der radikalen Black-Panther-Bewegung. Rudi Dutschkes Ehefrau war Amerikanerin; sie vermittelte ihm das Bild vom "anderen" Amerika, von dem er sich bei seinem einzigen Besuch in den Vereinigten Staaten im September 1966 in den Slums von New York und Chicago dann selbst überzeugte. Das war für ihn jenes Amerika, das durch die radikale Black-Panther-Bewegung repräsentiert wurde.

          Nach den Rassenunruhen in Detroit im Juli 1967 - mit 40 Toten, 450 Verwundeten, 7200 Verhaftungen und 2000 niedergebrannten Häusern - solidarisierte sich der SDS erstmals öffentlich mit den "Schwarzen Panthern" und ihrem bereits 1965 ermordeten revolutionären Führer Malcolm X. Gleichzeitig wandte sich der SDS gegen die mit friedlichen Mitteln kämpfende Bürgerrechtsbewegung und deren aus ihrer Sicht "bourgeoisen" Führer Martin Luther King. Mit der Realität hatte das wenig zu tun, auch nicht, dass man nach dessen Ermordung 1968 bei einem Trauerzug in West-Berlin die Internationale sang. "Black Power" diente jedenfalls den radikalen Studenten als ein Modell für einen antiimperialistischen Kampf in einer hochindustrialisierten Gesellschaft. Für einige war damit der Weg in den Terror vorgezeichnet.

          Im Mittelpunkt stand damals natürlich der Vietnamkrieg. Besonders interessant und für den Rezensenten neu sind Klimkes Beispiele, wie die Regierung in Washington auf diese Entwicklung reagierte. Im State Department hieß es im August 1966 nach den ersten Demonstrationen in West-Berlin: "Es gibt eine lärmende linke Minderheit, die gegen alles ist, was wir tun." Sie betrachte den Vietcong als Kämpfer gegen den "amerikanischen Imperialismus" und verbreite damit "kommunistische Klischees und Slogans".

          Im November 1966 schickte das State Department den aus Deutschland stammenden Historiker Fritz Stern in die Bundesrepublik. Er sollte die Lage an der Jugendfront analysieren. Nach zwei Wochen intensiver Recherchen und mehr als 100 Interviews kam Stern zu dem Schluss: "Die USA spielen bei den Studenten nur noch eine untergeordnete Rolle. Ihr Interesse an unserem Land hat merklich nachgelassen." Angesichts der stärker werdenden Opposition gegen den Vietnamkrieg fürchtete Vizepräsident Hubert Humphrey nach einem Besuch West-Berlins im Sommer 1967, dass die Vereinigten Staaten die europäische Jugend, "die doch zukünftig mehr und mehr politischen Einfluss ausüben wird", ganz verlieren könnten. Das Thema beschäftigte dann sogar den Nationalen Sicherheitsrat, wo Humphrey eine Verstärkung des Jugendaustausches vorschlug. Wenig später wurde im State Department eine "Student Unrest Study Group" eingerichtet, welche die Entwicklung genau verfolgte und, wie es 1968 einmal hieß, "im Idealfall beeinflussen sollte" - was bekanntlich nicht gelang.

          Das alles ist lesenswert und sehr gut recherchiert, bietet neue Erkenntnisse. Eine vom Autor gestaltete Website liefert ergänzende Informationen zum Buch, dem eine deutsche Übersetzung zu wünschen ist.

          ROLF STEININGER

          Martin Klimke: The Other Alliance. Student Protest in West Germany and the United States in the Global Sixties. Princeton University Press, Princeton 2010. 346 S., 30,99 [Euro].

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