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Dick Cheneys Erinnerungen : Unerschüttert im Glauben an Amerika

Bild: dpa

Und an sich selbst: Doch mit Zweifeln und Selbstzweifeln hatte bei Dick Cheney ohnehin niemand gerechnet.

          3 Min.

          Noch sind keine Köpfe explodiert - entgegen der Prophezeiung von Dick Cheney, dies werde geschehen, wenn seine jetzt veröffentlichten Memoiren „In My Time“ unter die Leute gekommen seien. Immerhin aber hat es Widerreden gegeben, vom früheren Außenminister Colin Powell etwa und von der einstigen Nationalen Sicherheitsberaterin und Außenamtschefin Condoleezza Rice.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Tatsächlich kommen Powell und Rice in den Erinnerungen des früheren Vizepräsidenten, die dieser gemeinsam mit seiner Tochter Liz Cheney in klarer schnörkelloser Prosa verfasst hat, denkbar schlecht weg. Colin Powell, dem Außenminister von 2001 bis 2005, wirft Cheney vor, dieser habe Präsident George W. Bush faktisch die Loyalität aufgekündigt und dessen Politik im Krieg gegen den Terrorismus durch gezielte Indiskretionen unterminiert. Dass es im Irak nach dem Blitzsieg über Saddam Husseins Truppen zum Chaos kam, kreidet Cheney vor allem der mangelhaften Nachkriegsplanung im Außenministerium an. Im Übrigen, so Cheney, habe sich seine Voraussage über die im März 2003 begonnene Invasion erfüllt: „Wir wurden als Befreier begrüßt, als wir das irakische Volk aus dem Griff Saddam Husseins lösten.“

          Powells Nachfolgerin im State Department, Condoleezza Rice, die schon der frühere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in seinen Memoiren „Known and Unknown“ als organisatorisch wie intellektuell überforderte Nationale Sicherheitsberaterin in Bushs erster Amtszeit beschrieben hatte, wird von Cheney wegen zahlreicher Fehlentscheidungen kritisiert. So hätten sich Rice und ihr Außenministerium gegen die Truppenverstärkung im Irak von Anfang 2007 ausgesprochen. Cheney und General David Petraeus vermochten Bush dennoch zu überzeugen, dass eine Truppenerhöhung und die Anwendung der neuen Strategie zur Aufständischenbekämpfung doch noch die Wende im Irak bringen könne.

          Dick Cheney, amerikanischer Vizepräsident von 2001 bis 2009

          Tatsächlich gelang es 2007 und 2008, den von vielen in Washington schon verlorengegebenen Krieg gegen Al Qaida im Irak doch noch zu gewinnen und auch den Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu beenden. Cheney beschreibt ausführlich den politischen Kampf an der „Heimatfront“, wo die Kriegsmüdigkeit auch bei den Republikanern zunahm, während viele Demokraten Bush und Cheney mit einer Niederlage im Irak aus dem Amt jagen wollten.

          Cheneys Urteil über die zweite Amtszeit von Präsident Bush, den er trotzdem für dessen Mut und Führungsstärke lobt, ist wenig schmeichelhaft: Sie sei weniger effektiv gewesen als die erste, zumal mit Blick auf „Schurkenstaaten“ wie Iran, Nordkorea und auch Syrien und deren Streben nach Atomwaffen. Sein eigener Einfluss auf Entscheidungen des Präsidenten sei gesunken, gibt Cheney zu. So habe er sich 2007 für amerikanische Luftangriffe auf einen geheimen Nuklearreaktor in Syrien ausgesprochen, doch Bush habe auf Anraten von Außenministerin Rice eine diplomatische Lösung angestrebt, die zu nichts geführt habe. Im September 2007 nahm dann Israel die Sache in die eigenen Hände und zerstörte den Reaktor, ohne dass Damaskus dagegen auch nur protestieren, geschweige denn etwas dagegen unternehmen konnte.

          Ebenso fruchtlos seien Rice's Bemühungen geblieben, Iran und Nordkorea mit diplomatischen Mitteln von ihrem Atomwaffenprogramm abzubringen. Die Außenministerin habe den Präsidenten sogar unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Fortsetzung der Bemühungen um die Wiederaufnahme der Gespräche mit Pjöngjang bewegt.

          In der ersten Hälfte seiner Erinnerungen beschreibt Cheney Kindheit und Jugend in Wyoming sowie die ersten Schritte seiner vier Jahrzehnte umfassenden politischen Karriere - als Abgeordneter im Repräsentantenhaus, als Stabschef im Weißen Haus und als Pentagonchef unter den Präsidenten Nixon, Ford sowie Bush Vater.

          Der zweite Teil des Buches ist fast ausschließlich den Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 - die Schilderung dieses schicksalhaften Tages bildet den Prolog seines Buches - und dem Krieg gegen den Terrorismus gewidmet, den Cheney als einer der mächtigsten Vizepräsidenten der amerikanischen Geschichte maßgebliche prägte.

          Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 erwähnt Cheney nur nebenbei, er vermeidet eindimensionale Ursachenerklärungen und verteidigt das staatliche Rettungsprogramm für die Banken vom Herbst 2008.

          „Die moralische Orientierung nie verloren“

          Für Entschuldigungen wegen weithin kritisierter Fehltritte und Überreaktionen im langen Epochenkrieg gegen den Terrorismus, dessen Ende der inzwischen 70 Jahre alte Cheney nicht mehr zu erleben glaubt, sieht er nicht den geringsten Anlass. „Bei allen Verlusten, die wir in diesem Konflikt erlitten haben, haben die Vereinigten Staaten die moralische Orientierung nie verloren“, schreibt Cheney. An „harschen Verhörmethoden“ wie dem simulierten Ertränken (Waterboarding) findet Cheney bis heute nichts Falsches, dank der damit erzielten Erkenntnisse seien Hunderte von Menschenleben gerettet worden.

          Guantánamo ist in Cheneys Augen „ein Modellgefängnis - „sicher, sauber und menschlich“, in dem die Gefangenen „Zugang zu Fernsehen, Büchern, Zeitungen und Filmen haben, sich ihre sportlichen Betätigungen aussuchen können, nach religiösen Geboten zubereitetes gesundes Essen und medizinische Versorgung erhalten“. Nicht Guantánamo selbst schade dem Ansehen Amerikas im Ausland, sondern „die Kritiker, die darüber Unwahrheiten verbreiten“.

          Am Ende seines Buches zeigt sich Cheney sehr „beglückt, dass sich für Präsident Obama der Imperativ zur Schließung Guantánamos bis Januar 2010 in die Notwendigkeit zur Beibehaltung des Gefängnisse verwandelt hat“. Er bekräftigt: „Ich glaube fest an Amerika und an Amerikas Wirken in der Welt.“

          Dick Cheney (mit Liz Cheney): In My Time. A Personal and Political Memoir. Threshold Editions, 565 Seiten, 35 Dollar.

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