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: Deutscher Schreibtischwechsel

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Als sich der Bundesnachrichtendienst (BND) Mitte der sechziger Jahre endlich einiger NS-Verbrecher in den eigenen Reihen entledigen wollte, war SS-Oberführer Wilhelm Krichbaum schon tot. Vermutlich starb er im April 1957 unter dem Aliasnamen "Krug" als Referatsleiter im BND. Seine Karriere im Terrorapparat ...

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          Als sich der Bundesnachrichtendienst (BND) Mitte der sechziger Jahre endlich einiger NS-Verbrecher in den eigenen Reihen entledigen wollte, war SS-Oberführer Wilhelm Krichbaum schon tot. Vermutlich starb er im April 1957 unter dem Aliasnamen "Krug" als Referatsleiter im BND. Seine Karriere im Terrorapparat des "Dritten Reichs" und sein fast nahtloser Wiederaufstieg beim westdeutschen Nachrichtendienst birgt den Reiz des Typischen. So wie der gelernte Förster und Polizist aus Wiesbaden stiegen Hunderte im SS-Imperium Himmlers auf und dann in der Bundesrepublik wieder ein. Alleine beim BND waren in der Frühphase des Dienstes etwa 200 von 2250 Mitarbeitern zuvor beim Reichssicherheitshauptamt beschäftigt - also beim SD, bei der Gestapo oder bei der Geheimen Feldpolizei. Hinzu kamen Dutzende, die in der Waffen-SS oder in NSDAP-Ämtern gedient hatten. Der Rest hatte fast ausschließlich Wehrmachtlaufbahnen hinter sich, die auch nicht immer so ritterlich waren, wie die ehemaligen Offiziere jahrzehntelang weismachen wollten.

          Krichbaum, den Robert Winter anhand von Akten und Briefen nüchtern porträtiert, war ein unauffälliger Repräsentant seiner Generation. Verwundet und bitter enttäuscht im Ersten Weltkrieg, beteiligte er sich an verschiedenen Freikorpsoperationen und trat schon 1922 der NSDAP bei, was ihm später seine Selbststilisierung als beinahe dem Widerstand zugehöriger braver Polizist etwas verkomplizierte. Nach der "Machtergreifung" kam er im NS-Terrorapparat unter, Dienstort des Angehörigen des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) wurde Dresden. Dort lernte er Leute kennen, denen er später wiederum zum BND verhalf - darunter Johannes Clemens, der als SD-Mann in Italien unter dem Namen "Tiger von Como" berüchtigt wurde. Nach einem Zwischenspiel als "Grenzinspekteur" der Grenzpolizei avancierte Krichbaum im Krieg zügig an die Spitze der "Geheimen Feldpolizei" (GFP), die sowohl in Frankreich als auch in Russland an zahlreichen Kriegsverbrechen und im Osten an systematischen Massenmorden beteiligt war.

          Angehörige der Geheimen Feldpolizei fanden sich fast überall dort, wo in den besetzten Gebieten Verdächtige oder einfach nur Lästige gefoltert, gehängt oder erschossen wurden. Krichbaum, in den Organigrammen des Reichssicherheitshauptamtes als Stellvertreter des Gestapo-Chefs Heinrich Müller geführt, behauptete später, an seinem Berliner Schreibtisch davon nichts geahnt und das Prinz-Albrechts-Gelände, die Zentrale des Reichssicherheitshauptamtes, praktisch nie betreten zu haben. Seinen Chef, den in den Endkampfwirren verschwundenen Gestapo-Müller, habe er, so behauptete Krichbaum nach dem Krieg, so gut wie nie gesehen. Biograph Winter gerät über solche Darlegungen in seiner sonst sachlichen Darstellung einige Male in spürbaren Zorn. Krichbaum habe "als Schreibtischtäter für unzählige Verbrechen verantwortlich gezeichnet". Man hätte ihn dafür bestrafen müssen, wenn denn ein (westdeutscher) Staatsanwalt einmal in die Akten geschaut hätte.

          Aber schon die Alliierten hatten Wiederverwendung für Apparatganoven wie Krichbaum. Schon kurz nach Kriegsende wurde sein ehemaliger GFP-Kollege Feldwebel Alfred Benzinger mit dem Aufbau einer gegen die Sowjetunion gerichteten Spionageabteilung betraut, die "Dienststelle 114". Diese Dienststelle in Karlsruhe unterstand direkt dem amerikanischen Geheimdienst CIC und wurde - wie der spätere BND-Unterabteilungsleiter Crome kürzlich berichtete - zum "Haupteinfallstor" für ehemalige Leute aus dem Reichssicherheitshauptamt in den Bundesnachrichtendienst. So gründlich sich Leute wie Krichbaum oder der ehemalige Gestapo-Chef in Oberitalien Wilhelm Harster um die Ermordung aller Missliebigen des Dritten Reiches gekümmert hatten, so wohlorganisiert sorgten sie nach 1945 für die sichere Unterbringung ihrer Kameradschaften in den westdeutschen Sicherheitsapparaten. An der Spitze von Polizeipräsidien, beim BKA in Wiesbaden, beim Verfassungsschutz in Köln - überall zogen Mitmacher und Mitmörder aus Himmlers Vernichtungsimperium wieder in Amtsstuben ein.

          Nach seinem Tod beschäftigte Krichbaums Vergangenheit den BND im Zusammenhang mit dem Verratsfall Felfe (1961). Der Leiter der BND-Spionageabwehr hatte für den sowjetischen KGB gearbeitet und war über die Schiene Krichbaum in den Nachrichtendienst gelangt. Die Frage war nun, ob Krichbaum vielleicht selbst in der Nachkriegszeit von den Russen angeworben worden sei und dann eine ganze Seilschaft von KGB-Agenten mit SS-Vergangenheit in den BND geschleust habe. Winter, dem offenbar nur wenige Informationen aus dem BND zugänglich waren, weiß darüber nur zu spekulieren.

          PETER CARSTENS

          Robert Winter: Täter im Geheimen. Wilhelm Krichbaum zwischen NS-Feldpolizei und Organisation Gehlen. Militzke Verlag, Leipzig 2010. 189 S., 16,90 [Euro].

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