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: Der Zweck heiligt die Mittel

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Max Paul Friedman: Nazis & Good Neighbors. The United States Campaign against the Germans of Latin America in World War II. Cambridge University Press, Cambridge 2003. 360 Seiten, 25,- Pfund.Geheime deutsche Flugplätze seien in Kolumbien entdeckt worden, von denen jederzeit der Panamakanal angegriffen werden könne, gab Präsident Roosevelt im September 1941 im Rundfunk bekannt.

          Max Paul Friedman: Nazis & Good Neighbors. The United States Campaign against the Germans of Latin America in World War II. Cambridge University Press, Cambridge 2003. 360 Seiten, 25,- Pfund.

          Geheime deutsche Flugplätze seien in Kolumbien entdeckt worden, von denen jederzeit der Panamakanal angegriffen werden könne, gab Präsident Roosevelt im September 1941 im Rundfunk bekannt. Hitlers Kundschafter, so führte er weiter aus, warteten in zahlreichen Brückenköpfen im Süden der Neuen Welt, um von dort aus gegen die Vereinigten Staaten zu marschieren. Diese Behauptungen waren zwar aus der Luft gegriffen - doch war nicht der Großteil Europas in Hitlers Hand und seine Armeen in Rußland noch auf einem scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch? Die Furcht vor der "fünften Kolonne" war in den Vereinigten Staaten ungeheuer groß.

          In Süd- und Mittelamerika trugen deutsche Einwanderer als kenntnisreiche und anpassungsfähige Arbeiter wesentlich zu Produktion und Handel von Rohstoffen sowie landwirtschaftlichen Gütern bei und hatten auch erste heimische Industrien gegründet. Lautstark hatte die Propaganda der NSDAP-Auslandsorganisation auch die Deutschstämmigen hier für die Volksgemeinschaft vereinnahmt. Die nationalsozialistischen Aktivitäten in Südamerika hatten allerdings eher folkloristischen Charakter. Nach außen hin entstand aber doch der Eindruck großer nationalsozialistischer Gefolgschaft. Um der vermeintlichen Gefahr entgegenzutreten, wurden während des Zweiten Weltkrieges allein mehr als 4000 Deutschstämmige aus Mittel- und Südamerika in den Vereinigten Staaten interniert. Max Paul Friedman untersucht die Ursprünge, Erfolge, Mißerfolge und langfristigen Folgen dieser Aktion für das Verhältnis von Nord- und Südamerika. Bewußt, aber unaufdringlich arbeitet Friedman dabei Grundmuster amerikanischer Außenpolitik heraus.

          Süd- und vor allem Mittelamerika, der "Hinterhof" der Vereinigten Staaten, waren bis zum Amtsantritt Roosevelts Spielball und Verfügungsmasse amerikanischer Interessen. Der neue Präsident entwickelte das Konzept der "guten Nachbarschaft", indem er direkte militärische Intervention vermied und Washingtons Interessen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen durchsetzte. Die amerikanische Regierung perhorreszierte die Vorstellung, die tatsächlich wenigen tausend Deutschen Südamerikas würden sich auf einen Wink zu einer durchorganisierten Interventions- und Sabotagearmee formieren. Eine solche Gefahr bestand jedoch noch nicht einmal in Ansätzen.

          Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor stand die proamerikanische Haltung aller mittel- und südamerikanischen Staaten - außer in Argentinien - nie in Frage. Washington setzte unverzüglich Pläne zur Sicherung ihrer Südflanke um: Abschneiden Deutschlands von der Zufuhr von Rohstoffen und Devisen, Aufspüren und Lahmlegen der "fünften Kolonne". Der "totale Krieg" war keine Propagandaphrase, er wurde von Anfang an geführt.

          Einwände oder gar Widerstand gegen die nordamerikanischen Forderungen, die völkerrechtlichen Normen und auch kurz vorher ausgehandelten interamerikanischen Abkommen widersprachen, wurden sofort als prodeutsch und antiamerikanisch gewertet. Da die Vereinigten Staaten der einzig verbliebene potente Handelspartner waren, mußten früher oder später alle Staaten nachgeben. Die Diktaturen hatten am wenigsten Probleme, die Forderungen umzusetzen. Die Demokratien taten sich schwerer und versuchten, rechtsstaatliche Normen anzuwenden. Die Deportierten waren willkürlich ausgewählt und erhielten in den Vereinigten Staaten kein rechtliches Gehör. Die Feindstaatenangehörigen im eigenen Land behandelte die Regierung in Washington hingegen nach rechtsstaatlichen Grundsätzen, was in Südamerika nicht verborgen blieb und zusätzlich für böses Blut sorgte.

          Schnell wurde deutlich, daß gerade die Deportationen eine wirkungslose Maßnahme waren und daß die rigorosen Eingriffe in die Volkswirtschaften schweren Schaden anrichteten. Interne Kritik blieb nicht aus, vor allem aus dem Justizministerium kamen Bedenken, daß ein Krieg, den man im Namen der Freiheit, der Bürger- und Menschenrechte sowie der Demokratie führe, nicht rechtfertige, diese Werte während seiner Dauer zu ignorieren.

          Am Ende des Krieges war die "gute Nachbarschaft" endgültig vorbei. Die Ausschaltung der Deutschstämmigen hatte die süd- und mittelamerikanische Wirtschaft so nachhaltig geschädigt, daß im Kalten Krieg ein fruchtbarer Boden für kommunistische Propaganda geschaffen worden war. Geradezu ein Treppenwitz ist, daß es dem Counter Intelligence Corps mit erheblich weniger Aufwand innerhalb kürzester Zeit gelang, die wenigen Agenten der Abwehr, die tatsächlich in Mittel- und Südamerika plaziert waren, aufzuspüren.

          KLAUS A. LANKHEIT

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