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: Der unterschätzte Präsident

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Peter Schweizer: Reagan's War. The Epic Story of his Forty-Year-Struggle and Final Triumph Over Communism. Anchor Books/Doubleday, New York 2003. 368 Seiten, 14,05 $.Mit dem Tod des früheren amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan hat sich die Weltöffentlichkeit noch einmal dem politischen Lebenswerk dieses ungewöhnlichen Mannes zugewandt.

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          Peter Schweizer: Reagan's War. The Epic Story of his Forty-Year-Struggle and Final Triumph Over Communism. Anchor Books/Doubleday, New York 2003. 368 Seiten, 14,05 $.

          Mit dem Tod des früheren amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan hat sich die Weltöffentlichkeit noch einmal dem politischen Lebenswerk dieses ungewöhnlichen Mannes zugewandt. Zeit seines Lebens schieden sich an ihm die Geister: Reagan betrachtete den Kommunismus und die kommunistischen Regierungssysteme als die Todfeinde für eine freie Entwicklung des Individuums und einer freien Gesellschaft. Er ließ dabei niemanden im Zweifel über sein politisches Lebensziel, einen Beitrag zur weltweiten Niederringung des Kommunismus zu leisten.

          Die Klarheit seiner Aussagen, der von ihm vorgelebte Optimismus und seine stetige Zuversicht beeindruckten die Amerikaner. Sie wählten ihn deshalb zunächst zum Gouverneur von Kalifornien (1967- 1975) und schließlich 1980 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten (1981-1989). Bei der Wiederwahl als Präsident erzielte er wegen der Unterstützung, die er bis weit in das Lager der Demokratischen Partei erhielt, einen "Erdrutschsieg". Anders als in den Vereinigten Staaten schlug Reagan in Europa eine fast reflexartige Ablehnung entgegen. Man sorgte sich wegen seines offen ausgesprochenen Antikommunismus um den Fortbestand der mühevoll aufgebauten Beziehungen zu den kommunistisch regierten Staaten. Im Rückblick erweist sich Reagans Politik einer gezielten ökonomischen Schwächung der kommunistischen Systeme als ein wichtiger Grundstein für die spätere Bereitschaft der Sowjetunion, die deutsche Wiedervereinigung zu akzeptieren. Das Bild, das sich die Deutschen von Reagan machen, wird aber nicht von diesen ungewöhnlichen Erfolgen, sondern weiterhin durch die stark emotionalisierte Nachrüstungsdebatte beeinflußt.

          Peter Schweizer verblüfft seine Leser durch ungewöhnliche Insider-Kenntnisse der amerikanischen Administration während der Regierungszeit Reagans. Seine engen Kontakte zu einigen der wichtigsten Akteure auf höchster Regierungsebene in der Außen- und Sicherheitspolitik tragen für das Buch reiche Früchte. Sehr aufschlußreich für das Denken Reagans und seine Art, komplexe Fragen anzupacken, ist die spannende Schilderung der Vorbereitungen und des Verlaufs der Gipfeltreffen mit Michail Gorbatschow. Die Lektüre ergibt manches Überraschende - hier kann lediglich auf einige aufschlußreiche Beobachtungen Schweizers zum damaligen Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen und zum Einsatz der Rohölpreise als machtvolles Werkzeug im Kampf gegen kommunistische Herrschaftsansprüche eingegangen werden. Die damalige Bonner Regierung wollte eine innere Stabilisierung der unter ihren wachsenden ökonomischen Mißerfolgen leidenden kommunistischen Systeme erreichen. Die deutsche Politik folgte dabei der Überzeugung, nur ein nach innen hinreichend abgesichertes Regime werde Erleichterungen für die Menschen des eigenen Machtbereichs zulassen. Auf das genaue Gegenteil zielte Reagan: Er suchte Ansatzpunkte, um die kommunistischen Systeme zu destabilisieren und sie möglichst rasch zum Einsturz zu bringen.

          Die diplomatische Krise zwischen Bonn und Washington war deshalb absehbar, als General Jaruzelski in Polen das Kriegsrecht ausrief. Nach der Darstellung Schweizers zeigte Bundeskanzler Helmut Schmidt in dieser Situation mit verletzender Deutlichkeit seine Ablehnung von Reagans Polen-Politik. Er hielt nichts von der Unterstützung der polnischen "Solidarität", weil er von einem dauerhaften Fortbestand kommunistischer Regierungen in Polen ausging. Demgemäß "belehrte" Schmidt Anfang 1982 Außenminister Alexander Haig, die Sowjets sähen Polen "als ihnen gehörig" an. Es sei lächerlich, wenn Reagan annehme, er könne die nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommene Teilung Europas umstürzen. Er - Schmidt - habe außerdem "fortdauernde Zweifel hinsichtlich der organisatorischen Fähigkeiten der Polen angesichts ihrer bekannten Neigung zu einem Romantizismus".

          Dieser Gegenkurs des Bundeskanzlers zu Reagan bei der Einschätzung der Folgen des polnischen Kriegsrechts wog um so schwerer, weil Reagan zur selben Zeit mit Papst Johannes Paul II. ein für beide attraktives Feld geheimer Zusammenarbeit eröffnet hatte. Ihr Ziel war es, die polnische "Solidarität" trotz des Kriegsrechts weiter zu stärken. Dazu beauftragte Reagan den in Geheimmissionen erfahrenen Sonderbotschafter Vernon Walters, den Papst fortlaufend auf der Grundlage der durch die amerikanische Aufklärung gewonnenen Erkenntnisse über die Entwicklungen in Polen und die Raketenrüstung der Sowjetunion zu unterrichten. Sibyllinisch heißt es bei Schweizer, Walters habe dem Papst "eine Kooperation zu Polen betreffenden Fragen" vorgeschlagen - und der Papst habe dem zugestimmt.

          Darüber hinaus gelang es Reagan auf eine sehr wirksame Weise, den weltweiten außenpolitischen Expansionsdrang der Sowjetunion zu bremsen. Saudi-Arabien als größter Ölproduzent erhöhte dazu auf Anregung der amerikanischen Regierung die Rohölförderung so deutlich, bis das Überangebot zu einem drastischen Rohölpreisverfall führte. Nach den damaligen Berechnungen der CIA konnten mit einer Preissenkung um 1 Dollar pro Barrel Rohöl der Sowjetunion jeweils bis zu 1 Milliarde Dollar an Hartwährungseinkünften entzogen werden. Diese saudische Ölschwemme führte damit zu Milliardenausfällen beim Export sowjetischen Rohöls. In der Folge zog die Sowjetunion Tausende von russischen Militärberatern, die sie schon als Bedrohung Saudi-Arabiens um die Arabische Halbinsel postiert hatte, wieder ab. Nach dem Verfall der Rohölpreise fehlte einfach das Geld für eine weitere militärisch gestützte Ausbreitung kommunistischer Regime. Es wäre zu wünschen, daß Schweizers Buch bald in deutscher Übersetzung einem breiteren Leserkreis zugänglich gemacht werden könnte.

          SIGURD BEYER

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