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: Der Unentbehrliche

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Wer war Hans Maria Globke wirklich? Dieser Frage geht Jürgen Bevers nach - mit der Attitüde des strengen Staatsanwalts und den Qualitäten des einleuchtend strukturierenden Erzählers. Der Parteienforscher Franz Walter nannte den Chef des Bundeskanzleramts von September 1953 bis Oktober 1963 jüngst "Sphinx der Effizienz".

          Wer war Hans Maria Globke wirklich? Dieser Frage geht Jürgen Bevers nach - mit der Attitüde des strengen Staatsanwalts und den Qualitäten des einleuchtend strukturierenden Erzählers. Der Parteienforscher Franz Walter nannte den Chef des Bundeskanzleramts von September 1953 bis Oktober 1963 jüngst "Sphinx der Effizienz". Jedenfalls war er für Konrad Adenauer, der im Alter von 73 Jahren die Regierungsgeschäfte der jungen Bundesrepublik übernahm und mit 87 Jahren aus dem Amt des Bundeskanzlers ausschied, unentbehrlich. Globke führte im Palais Schaumburg die Geschäfte, hielt die Fäden in der Regierung und in der Union zusammen, überwachte durch seine Vertrauten die Ministerien, übernahm die undankbarsten Aufgaben. Und dabei war er stets loyal, ja dem Alten von Rhöndorf höchst ergeben, und verschwiegen - weil ihm wegen seiner Vergangenheit gar nichts anderes übrigblieb.

          Der 1898 in Düsseldorf geborene Jurist war zunächst in der preußischen Verwaltung tätig, wechselte 1932 ins Reichsinnenministerium, stieg zum Ministerialrat und Referenten für Staatsangehörigkeitsfragen auf. In dieser Funktion gehörte er zu den juristischen Kommentatoren der "Nürnberger Rassegesetze", was er nach 1945 zu einer Art erfolgreicher Obstruktion gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung und Judenvernichtung stilisierte, nach dem damals beliebten Motto, eigentlich nur (noch) Schlimmeres verhütet zu haben. Daneben informierte er die katholische Kirche während des "Dritten Reiches" über die Schrecken des Rassenwahns und half einzelnen Verfolgten.

          In der frühen Bundesrepublik war er mannigfachen Anfeindungen der politischen Gegner Adenauers ausgesetzt, aber auch Feindbild der DDR, die ihn noch im Juli 1963 - wenige Monate vor Ende der Ära Adenauer - in einem Ost-Berliner Schauprozess (in Abwesenheit des "Angeklagten") zu "lebenslangem Zuchthaus" verurteilte. Dass solche "antifaschistische" Propaganda sogar in der Schweiz wirkte, zeigte sich, als die Gemeinde Chardonne im Kanton Waadt - wo Globke seit 1957 hoch über dem Genfer See ein Haus besaß, das er als Altersdomizil nutzen wollte - dem gerade in den Ruhestand getretenen Staatssekretär die Aufenthaltsgenehmigung verweigerte.

          Im deutsch-israelischen Verhältnis spielte Globke natürlich eine wichtige Rolle. Er war Ansprechpartner und Koordinator im Kanzleramt, vor allem für die streng geheimen finanziellen Zuwendungen und Waffenlieferungen an Israel infolge des Adenauer-Ben-Gurion-Treffens in New York vom März 1960. Ob Israel im Gegenzug dafür sorgte, dass der Name des Kanzleramtschefs aus dem Eichmann-Prozess in Jerusalem herausgehalten und Globke nicht als Zeuge vorgeladen wurde, liegt nahe, wenn auch Bevers hierzu kein neues Material präsentieren kann. Dafür zitiert er ausführlich aus Adolf Eichmanns Notizen zu dem 1961 erschienenen (nach Intervention des Staatssekretärs vom Verlag wegen Fehlern zurückgezogenen) Buch von Reinhard M. Strecker: "Dr. Hans Globke. Aktenauszüge - Dokumente". Auf Grund der dort abgedruckten Geschäftsverteilungspläne des Reichsinnenministeriums attestierte Eichmann im Januar 1962 Globke "eine große Amtsfülle" in der Zeit des Nationalsozialismus. Allerdings weiß Bevers selbst, dass solche Wertungen "mit aller Vorsicht" zu behandeln, also eigentlich nichts wert sind.

          Globke hatte - wie Bevers resümiert - gemeinsam mit Adenauer "die politischen Weichen der jungen Bundesrepublik gestellt". Mehrmals bot er als Kanzleramtschef seinen Rücktritt an, jedoch der hochbetagte Kanzler hielt eisern an ihm fest. Adenauer brauchte im Tagesgeschäft diesen mit allen Wassern gewaschenen und gerissenen Verwaltungsjuristen, der sich in die Akten verbiss, bisweilen die niedrige Kunst der Intrige beherrschte und jeder Form von Selbstdarstellung abhold sein musste. Dass Globke seine Stellung im "Dritten Reich" minimalisierte (immerhin sprach zu seinen Gunsten, dass er nicht der NSDAP beigetreten war), sich nach 1945 von anderen zum katholischen Widerstandskämpfer emporheben ließ, ist wegen der vielen Angriffe auf ihn nachvollziehbar - obwohl sich damit Riesenportionen von Scheinheiligkeit offenbaren. Was das "Dritte Reich" betraf, operierte Globke gern mit Gedächtnislücken, auch wenn er sich generell an alles Dienstliche ab 1949 ganz exakt erinnerte, was gerade die Stärke dieses von Mitarbeitern als genial empfundenen Großadministrators ausmachte. Sogar als Pensionär konnte er laut Bevers "seiner Vergangenheit nicht entfliehen, sosehr er sich endlich Ruhe wünschte. Als reisender Zeuge in Sachen Befehlsnotstand wurde er immer wieder in den Zeugenstand gerufen."

          RAINER BLASIUS

          Jürgen Bevers: Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Ch. Links Verlag, Berlin 2009. 240 S., 19,90 [Euro].

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