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: Der Umgang mit "Vichy"

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Unser Nachbarland brauchte lange, bis es sich seiner Kollaborationsvergangenheit mit dem nationalsozialistischen Deutschland stellte. Erst 1995 gestand Präsident Chirac Frankreichs Verantwortung für Verbrechen ein, die es im Rahmen der "Endlösung" begangen hat. Die kopernikanische Wende in der Vergangenheitspolitik ...

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          Unser Nachbarland brauchte lange, bis es sich seiner Kollaborationsvergangenheit mit dem nationalsozialistischen Deutschland stellte. Erst 1995 gestand Präsident Chirac Frankreichs Verantwortung für Verbrechen ein, die es im Rahmen der "Endlösung" begangen hat. Die kopernikanische Wende in der Vergangenheitspolitik hängt auch mit einem kleinen Kreis von Historikern zusammen, der - organisiert im 1980 gegründeten Institut für Geschichte der gegenwärtigen Zeit - Frankreichs unrühmliche Vergangenheit als Satellitenstaat des "Dritten Reichs" aufarbeitet.

          Motor der Aufarbeitung der "dunklen Jahre" zwischen 1940 und 1944, in denen Marschall Pétain vom südfranzösischen Badeort Vichy aus ein Rumpf-Frankreich von Hitlers Gnaden regierte, ist Henry Rousso, von 1994 bis 2005 selbst Direktor dieses Instituts. Je öfter Rousso und seine Kollegen Kollaborationstatbestände zutage förderten, desto mehr bröckelte der von General de Gaulle begründete Mythos Frankreichs als Land des kollektiven Widerstands gegen die Deutschen, desto heftiger wurde die öffentliche Debatte über das Vichy-Regime. In mehreren erstmals auf Deutsch vorliegenden Abhandlungen zeichnet Rousso Ursprung und Verlauf dieser Debatte nach. Dabei zeigt er, wie die Präsidenten der Fünften Republik von de Gaulle bis Sarkozy das heiße Eisen "Vichy" für ihre Zwecke zu nutzen suchten. Ferner geht er den Wurzeln der Holocaust-Leugnung nach und führt aus, wie sich der Mythos der französischen "Einzigartigkeit" unter der kritischen Aufarbeitung der Verbrechen von Vichy relativiert.

          Schließlich erläutert der Autor an seinem eigenen wissenschaftlichen Werdegang, auf welchen Wegen und Umwegen er zu seinem Lebensthema "Vichy" fand und welche Wandlungen dieses Thema durch Forschungsfortschritte, besondere politische Ereignisse und die durch beide ausgelöste öffentliche Debatte erfuhr. Dabei ist der Perspektivwechsel nicht zu übersehen. Hatte de Gaulle 1958 noch geglaubt, mit einer Politik des offiziellen Vergessens, die nicht nach den Opfern von Okkupation und Kollaboration fragte, die Nation aussöhnen zu können, so mussten seine Nachfolger diese Einstellung aufgeben. Spektakuläre Prozesse (Barbie, Touvier, Papon) rückten die Opfer der Vichy-Kollaborateure und der deutschen Besatzungsmacht in den Blick.

          Unter dem Banner des Gedenkgebotes verfochten von nun an diverse Opfergruppen Wiedergutmachungsforderungen. Und das Parlament lieferte die Gedenkgesetze dazu. So kam im Mai 2001 das "Taubira-Gesetz" zustande. Es stuft Sklavenhandel und Sklaventum als "Verbrechen gegen die Menschheit" ein, wenn es um entsprechenden von Europäern betriebenen Handel geht, lässt dasselbe Delikt, wenn es von Arabern ausgeht, aber unerwähnt. Der Gesetzgeber mochte den jungen Arabern von heute die verbrecherische Erblast ihrer Vorväter nicht aufbürden. Rousso nennt solcherlei selektive Wahrnehmung ",positive Diskriminierung' zum Preis einer grobschlächtigen Geschichtsrevision".

          Mit solch freimütigem Urteil über ein Gesetz lebt der Autor gefährlich. Als "Gesetzesbrecher" riskiert er, sich vor Gericht verantworten zu müssen. Die moralische Keule als Totschlaginstrument gegen die Freiheit der Wissenschaft kann heute in Frankreich schwingen wer will. Erkenntnisgewinn ist dadurch nicht zu erwarten, wohl aber Lob für political correctness. So gesehen sind Roussos Abhandlungen mehr als ein kritischer Rückblick auf ein sperriges Kapitel französischer Vergangenheitspolitik. Sie sind auch eine Warnschrift vor juristischer Einflussnahme auf wissenschaftliche Forschung.

          PETER HÖLZLE

          Henry Rousso: Frankreich und die "dunklen Jahre". Das Regime von Vichy in Geschichte und Gegenwart. Aus dem Französischen von Christoph Brüll. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 190 S., 15,- [Euro].

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