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: Der Löwe ist los!

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Thomas Schlemmer/Hans Woller (Herausgeber): Politik und Kultur im föderativen Staat 1949 bis 1973. Bayern im Bund, Band 3. R. Oldenbourg Verlag, München 2004. IV und 504 Seiten, 39,80 [Euro]."Porta patet, cor magis. Weit offen steht euch unsere Tür, noch weiter offen unser Herz!" Mit diesen pathetischen Worten richtete der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard sich am 30.

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          Thomas Schlemmer/Hans Woller (Herausgeber): Politik und Kultur im föderativen Staat 1949 bis 1973. Bayern im Bund, Band 3. R. Oldenbourg Verlag, München 2004. IV und 504 Seiten, 39,80 [Euro].

          "Porta patet, cor magis. Weit offen steht euch unsere Tür, noch weiter offen unser Herz!" Mit diesen pathetischen Worten richtete der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard sich am 30. Juli 1948 im Landtag in einer Rede über die Wiedervereinigung nicht an die Bewohner der Sowjetischen Besatzungszone, sondern an die linksrheinischen Pfälzer. Durch das Diktat der Besatzungsmächte war die ehemals bayerische Pfalz von Bayern abgetrennt und als Teil der französischen Besatzungszone dem Retortenland Rheinland-Pfalz zugeschlagen worden. Zwar hat Bayern den Verlust der Pfalz nie ganz verwunden - bis heute gibt es in der Münchener Staatskanzlei einen Pfalzreferenten -, dem Selbstbewußtsein Bayerns tat er jedoch keinen entscheidenden Abbruch. Rückblickend auf eine fast 1500jährige Tradition, mußte Bayern sich 1945 nicht neu erfinden. Nach dem gescheiterten Versuch der Nationalsozialisten, Bayern in mehrere Gaue aufzuteilen, erlebte es 1945 als Freistaat eine Renaissance und spielte neben den Hansestädten Bremen und Hamburg "im innerdeutschen Chaos aufgelöster und neugebildeter Länder" eine bemerkenswerte Sonderrolle. Während Neugründungen wie Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz erst im Verlauf langjähriger Prozesse zusammenwachsen und zu gemeinschaftsbildenden Traditionen finden mußten, blieb Bayern eine "traditionsarme Stunde" erspart.

          Der dritte Sammelband der vom Institut für Zeitgeschichte herausgegebenen Reihe "Bayern im Bund" fragt nach der Bedeutung und Wirkmächtigkeit dieser Traditionen für die Rolle Bayerns im Konzert der Bundesländer. Methodisch geschieht dies vor allem durch den Vergleich mit Nordrhein-Westfalen. Die Landschaften des großen Retortenlands besaßen zwar keine gemeinsame geschichtliche Identität, dafür bildete Nordrhein-Westfalen aber von Anfang an das wirtschaftliche Kernland der Bundesrepublik. Als Bürger eines Landes mußten dessen Bewohner sich erst finden. Damit bildete Nordrhein-Westfalen in vieler Hinsicht einen Gegensatz zu Bayern, gerade darum wurde es von Bayern gleichermaßen als Vorbild und Konkurrenz empfunden.

          Bevor der Sammelband in mehrere überaus reizvolle Vergleiche der beiden Länder eintritt, analysiert Petra Weber Struktur und Arbeit der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag. Sosehr die Landesgruppe außerhalb Bayerns als hartnäckige pressure group bayerischer Interessen wahrgenommen wurde, so entscheidend hat die Landesgruppe daran mitgewirkt, Bayern in die neue Bundesrepublik zu integrieren. Immer war sie bemüht, Bundes- und Landesinteressen gegeneinander auszugleichen, mit dem Ergebnis, daß sie in Bayern selbst und auch von der Staatsregierung oft als zu zentralistisch kritisiert wurde. Dabei haben deren Mitglieder als Abgeordnete wie als Bundesminister erheblichen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg Bayerns. Beispielsweise haben die "Atomminister" Franz Josef Strauß und Siegfried Balke mit großem Erfolg zukunftsträchtige Hochtechnologien nach Bayern gesteuert. Abgesehen von solcher Unterstützung, standen der Bayerischen Staatsregierung keine anderen strukturpolitischen Instrumente zur Verfügung als anderen Landesregierungen auch - in Bayern wurden sie nur konsequenter angewandt, wie die Beiträge über die bayerische Forschungspolitik und die Strategien zur Bewältigung ökonomischer Krisen im westdeutschen Vergleich verdeutlichen.

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