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: Der Kitt der Wehrmacht

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Warum hielten die Landser bis zum bitteren Ende durch? Die Antwort auf diese Frage liege "nicht nur im Antisemitismus oder Antikommunismus der Soldaten", im Glauben an Hitler oder im Repressionsapparat der Militärjustiz, sondern auch und vor allem in der Kameradschaft. Die militärische Kardinaltugend ließ ...

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          Warum hielten die Landser bis zum bitteren Ende durch? Die Antwort auf diese Frage liege "nicht nur im Antisemitismus oder Antikommunismus der Soldaten", im Glauben an Hitler oder im Repressionsapparat der Militärjustiz, sondern auch und vor allem in der Kameradschaft. Die militärische Kardinaltugend ließ sich nach Meinung von Thomas Kühne nach 1945 einerseits als "Inbegriff alles ,Guten' im Krieg", als Inbegriff von gegenseitiger Fürsorge, Anteilnahme und Opferbereitschaft hinstellen. Andererseits erscheine sie heutzutage eher als Synonym für männerbündische Machenschaften und menschenverachtende Gewalt als "eine Brutstätte des ,Bösen' schlechthin". Beide Sichtweisen seien in ihrer moralisierenden Einseitigkeit falsch, könnten aber - "historisch verflüssigt" - das "Mitmachen" in der Wehrmacht erklären.

          Zunächst geht der Autor dem "Streit um die Kameradschaft" in der Zwischenkriegszeit ausführlich nach, insbesondere der begrifflichen Aufladung. Ludwig Uhland hatte 1809 das (später von Friedrich Silcher vertonte) "Lied vom guten Kameraden" verfaßt: "Ich hatt' einen Kameraden, / einen besseren find'st du nit." Jenes Kameradenpaar wird durch das Kriegsgeschehen auseinandergerissen, der eine fällt, der andere trauert: "Eine Kugel kam geflogen. / Gilt's mir oder gilt es dir? Ihn hat es weggerissen. / Er liegt zu meinen Füßen / Als wär's ein Stück von mir." Für Kühne erzählt das Gedicht "von einer Kampfgemeinschaft, aber versteckt sie in einer selbstlosen Opfergemeinschaft. Es erzählt von einer zärtlichen Männerbeziehung, aber sie bleibt unwirklich. Sie ,lebt' von ihrer Zerstörung. Nur mit diesem Ende ist sie erzählbar. Die Ausstrahlungskraft des Liedes beruht auf seiner Mehrdeutigkeit. Es war offen für die unmittelbare Aufforderung zum Krieg wie für pazifistische Lehren." Das Kameradschaftsideal hätten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Veteranenverbände beschworen, die große Masse der Kriegsteilnehmer. Demgegenüber sei in vielen Publikationen von Ernst Jünger über Adolf Hitler bis Ernst von Salomon der angriffslustige und selbständige Einzelkämpfer als Kriegsheld gefeiert worden.

          Laut einer Befragung aus dem Jahr 1926 unter Veteranen hatte immerhin jeder zwölfte "Unkameradschaft, Ungerechtigkeit" erfahren, jedoch Kameradschaft nur jeder fünfzigste. Dennoch entwickelte sich im rechten politischen Lager der Mythos von der Volksgemeinschaft in den Schützengräben, von der Klassenversöhnung der ganz oben mit denen ganz unten und von der freiwilligen Gefolgschaft, die dem kameradschaftlichen militärischen Führer gebühre. Das linke Lager habe solcher Verklärung den Bruch der Kameradschaft durch Offiziere entgegengehalten, die sich sogar auf Kosten ihrer hungrigen Untergebenen den Bauch vollgeschlagen hätten. Daher forderte man eine Kameradschaft von unten gegen die militärische Obrigkeit und trat für eine Verbrüderung mit ehemaligen Kriegsgegnern ein. Kühne konstatiert, daß bei Pazifisten wie Bellizisten die Kameradschaft ihre Rechtfertigung im Gruppenzusammenhalt trug. Das "Dritte Reich" erklärt der Autor zum "Staat der Kameraden", der sich von inneren und äußeren Feinden - eben den Nichtkameraden - abgrenzen und auf einen einzigen Willen ausrichten wollte: "Der verbreiteten Rhetorik der Blindheit - der blinden Gefolgschaft, des blinden Gehorsams, des blinden Vertrauens - zum Trotz war nicht Blindheit gefordert, sondern widerspruchslose, auf ,Vertrauen' in den Führer beruhende Unterordnung, die als ,freiwillig' bezeichnet wurde. Nicht willenlos sollte der Kamerad sein, sondern willig. Kameradschaft bildete im Nationalsozialismus ein Synonym für ,unbedingten Gehorsam'."

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