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: Der graue Heiler

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Er war der meistgesuchte Mann Europas, wenn nicht gar der Welt. Aber als nach den Anschlägen des 11. September 2001 Usama Bin Ladin ins Visier der Vereinigten Staaten geriet und im Frühjahr 2003 Saddam Hussein untertauchte, ging das Interesse an Radovan Karadzic schnell zurück. Mal verortete man ...

          Er war der meistgesuchte Mann Europas, wenn nicht gar der Welt. Aber als nach den Anschlägen des 11. September 2001 Usama Bin Ladin ins Visier der Vereinigten Staaten geriet und im Frühjahr 2003 Saddam Hussein untertauchte, ging das Interesse an Radovan Karadzic schnell zurück. Mal verortete man den einstigen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik in einem montenegrinischen Kloster, ein andermal in Moskau. Doch wo sich der Mann, der die Belagerung Sarajevos zu verantworten hat, wirklich aufhielt, wusste keiner, der ihn verhaften wollte - auch nicht die damalige Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, Carla del Ponte. Karadzics Festnahme 13 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica bildete eine Sensation: Kaum zu glauben, dass der selbsternannte Wunderheiler mit grauem Pferdeschwanz und Vollbart jener vom Haager Tribunal wegen Genozids und Kriegsverbrechen Angeklagte sein sollte, der sich kurz nach Ende des Bosnien-Krieges 1995 aus der Politik zurückgezogen hatte. Im Regionalbus am Stadtrand von Belgrad schlugen die serbischen Sicherheitskräfte im Juli 2008 zu, unweit einer Wohnung, in die Karadzic ein Jahr zuvor gezogen war.

          Nick Hawton, langjähriger Balkan-Korrespondent der BBC, sprach mit Geheimdienstmitarbeitern, Politikern, Generälen und Bischöfen, aber auch mit Freunden des selbsternannten Wunderheilers, die gar nicht geahnt hatten, wer hinter der seltsamen Verkleidung verborgen war. Ein spannendes Stück Zeitgeschichte wird dem Leser hautnah präsentiert. Hawtons Resümee lautet: Mächtige Helfer in Belgrad hielten nach Ende des Bosnien-Krieges ihre schützende Hand über den 1945 in Montenegro geborenen, 1960 nach Sarajevo gezogenen Karadzic. Doch als im Herbst 2000 Slobodan Milosevic gestürzt wurde, zog sich die Schlinge enger um den gelernten Psychiater und Poeten - selbst enge Mitstreiter konnten ihn nun nicht mehr schützen, die Festnahmeversuche der internationalen Truppen in Hercegovina häuften sich. Nach der Auslieferung Milosevics an Den Haag, schreibt Hawton, bezahlte Karadzic seine Bodyguards noch selbst, aber mit der Wahl des prowestlichen Boris Tadic zum Präsidenten in Belgrad war das politisch nicht mehr möglich. Ab 2003 stellte der serbische Geheimdienst BIA einen eigenen Mitarbeiter zur Betreuung des 2005 auf eigenen Entschluss zum Wunderheiler mutierten mutmaßlichen Kriegsverbrechers ab. Die Tatsache, dass ihm in der St.-Markus-Kirche im Herzen Belgrads eine Stofftasche mit all seinen Handys geklaut werden konnte, zeigt, wie verwundbar er da bereits geworden war.

          Inwieweit Karadzics Familie in das Versteckspiel involviert war, kann Hawton zwar nicht klären - doch die Eröffnung einer Alternativmedizinpraxis durch seine Tochter Sonja im bosnisch-serbischen Pale legt zumindest den Schluss nahe, dass die Verwandten mehr wussten, als sie dem Autor während der Interviews preisgaben. Die im September im Haager Tribunal erwartete Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Karadzic könnte Klarheit bringen.

          MARKUS BICKEL

          Nick Hawton: The Quest for Radovan Karadzic. Verlag Hutchinson, London 2009. 226 S., 18,99 [Euro].

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