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: Der brutale Volksformer

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Bücher gehören immer nur dem Leser, und er kann mit ihnen anfangen, was er will. Rezensenten aber sollen zukünftigen Lesern zu Bewusstsein bringen, was der Autor, dessen Buch sie kritisieren, mitteilen will. Denn manchmal versteht man einen Text besser, wenn man weiß, unter welchen Umständen er geschrieben worden ist.

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          Bücher gehören immer nur dem Leser, und er kann mit ihnen anfangen, was er will. Rezensenten aber sollen zukünftigen Lesern zu Bewusstsein bringen, was der Autor, dessen Buch sie kritisieren, mitteilen will. Denn manchmal versteht man einen Text besser, wenn man weiß, unter welchen Umständen er geschrieben worden ist. So ist es auch hier.

          Wolfgang Ruge war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1982 Professor für die Geschichte der Weimarer Republik an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zu Beginn der neunziger Jahre bat ihn eine Dozentin, die an der Freien Universität Osteuropäische Geschichte lehrte, ihr bei der Abfassung einer Vorlesung über Lenin zu helfen. Ruge überließ ihr ein 400 Seiten umfassendes Manuskript, das an der Freien Universität zwar vorgetragen, aber nicht veröffentlicht wurde. Im Jahr 2006 starb Ruge, nun hat sein Sohn, Eugen Ruge, das Manuskript der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sein Vater habe, schreibt der Sohn im Vorwort, keine Lenin-Biographie verfassen, sondern mit sich selbst ins Reine kommen wollen. Als ehemaliger Kommunist, der 1933 in die Sowjetunion emigriert war, die Schrecken des stalinistischen Terrors und der Lager erlitten hatte, habe er am Ende seines Lebens schonungslos Rechenschaft ablegen wollen. Über Lenin zu schreiben sei für ihn ein "Akt der Befreiung, eine Sache der geistigen Hygiene" gewesen. Denn Lenin war eine mythische Figur, über die Kommunisten nur bewundernd schreiben konnten. Man merkt dem Buch an, wie schwer es Ruge gefallen sein muss, sich vom Lenin-Bild der Vergangenheit zu verabschieden. Und dennoch ist der Text mehr als die wütende Abrechnung eines Enttäuschten mit der kommunistischen Vergangenheit.

          Ruge verbindet Erlebtes und Erfahrenes mit Interpretationen und versucht, den Möglichkeiten Lenins gerecht zu werden. Nichts von dem, was Lenin versprochen habe, sei jemals Wirklichkeit geworden. Die Wirklichkeit der frühen Sowjetunion sei das Gegenteil von all dem gewesen, was Lenin in "Staat und Revolution" und anderen theoretischen Traktaten formuliert habe. Und Lenin habe gewusst, dass er gegen alle Ideale verstieß, als er während des Bürgerkrieges Menschen in großem Stil töten ließ, um Furcht und Schrecken zu verbreiten. Ruge zitiert aus den Terrorbefehlen, die Lenin in die Provinzen schickte, und kontrastiert sie mit den Ideen von der schönen neuen Welt, die sich in seinen Schriften finden lassen. Die Gewalt sprach also schon, bevor Stalin am Ende der zwanziger Jahre die Macht an sich reißen konnte.

          Ruge findet dafür einleuchtende Erklärungen: Russland war auf die Experimente der Bolschewiki nicht vorbereitet, es gab keine zivile Gesellschaft und leider auch keine Herrscher, die mit der Macht besonnen umgehen konnten. Lenin sei ein Hasardeur und Machtmensch gewesen, der die Umstände skrupellos für seine Zwecke ausgenutzt habe. Die Macht liege auf der Straße, hat Lenin im Sommer 1917 gesagt, man müsse nichts weiter tun, als sie zu ergreifen. Unter den Umständen der Revolution und des Bürgerkrieges aber geriet diese Machtergreifung außer Kontrolle, und je mehr Gewalt sie erzeugte, desto radikaler gebärdete sich der Revolutionsführer. Lenin war ein Politiker, der es nur im Krieg zu etwas bringen konnte, weil er das Recht und seine Institutionen verachtete und weil er an die Machbarkeit der Welt durch Gewalt glaubte. In allem, was er tat, war Lenin konsequent bis zur Rücksichtslosigkeit, auch gegen sich selbst.

          Darin sieht Ruge den eigentlichen Unterschied zwischen ihm und Stalin. Lenin sei ein Angehöriger der alten russischen Intelligenzija gewesen, die das Volk nicht kannte, es aber nach dem Ebenbild der Elite formen wollte. Diesem Ziel habe er alles untergeordnet. Für Lenin, der ein Überzeugungstäter gewesen sei, konnte es deshalb nur einen Verrat an der Sache des Bolschewismus geben. Stalin hingegen sei ein asiatischer Despot gewesen, dessen Diktatur mit der Sache, für die einst die Bolschewiki gestritten hätten, nicht mehr verbunden gewesen sei. Stalins Gewalt war demnach Selbstzweck und bloßes Machtinstrument.

          Die Bolschewiki hätten Russlands Vergangenheit in der Gegenwart erneut zur Geltung gebracht, schrieb der russische Historiker Pavel Miljukov unmittelbar nach der Revolution. Lenin war in dieser Interpretation nichts weiter als ein Exponent einer vormodernen Gewaltherrschaft, die versuchte, das Neue mit den Mitteln des Alten ins Werk zu setzen. Lenin habe viel erreicht, schreibt Ruge am Ende seines Buches. Aber das Erreichte habe allen Zielen widersprochen, für deren Verwirklichung er einmal eingetreten sei. Wer an utopische Verheißungen nicht glaubt, wird nicht überrascht sein, dass das Paradies auf Erden niemals verwirklicht worden ist. Wer aber Kommunist gewesen ist und sein Leben in den Dienst einer heiligen Sache gestellt hat, wird enttäuscht sein. Von dieser Enttäuschung spricht dieses ehrliche und schonungslose Buch.

          JÖRG BABEROWSKI

          Wolfgang Ruge: Lenin. Vorgänger Stalins. Eine politische Biographie. Bearbeitet und mit einem Vorwort von Eugen Ruge. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2010. 470 S., 29,90 [Euro].

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