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: Der braune Prinz

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Der Tabubrecher unter Deutschlands Historikern schlägt wieder zu. Schon 2001 lüftete Lothar Machtan "Hitlers Geheimnis". Seine auf schlappe Indizien gestützte steile These mußte Funktionalisten ebenso wie Intentionalisten unter den Hitler-Forschern vor den Kopf stoßen: Der "Führer" war weder ein ...

          Der Tabubrecher unter Deutschlands Historikern schlägt wieder zu. Schon 2001 lüftete Lothar Machtan "Hitlers Geheimnis". Seine auf schlappe Indizien gestützte steile These mußte Funktionalisten ebenso wie Intentionalisten unter den Hitler-Forschern vor den Kopf stoßen: Der "Führer" war weder ein schwacher noch ein starker, sondern ein schwuler Diktator - allerdings einer, der sich 1934 von seinem Triebleben endgültig verabschiedet und fortan als großer Sublimator ganz auf das "Dritte Reich" konzentriert haben soll. Jetzt legt der Bremer Professor nach, indem er sich einem besonderen Hitler-Anhänger zuwendet: dem 1887 geborenen und 1949 verstorbenen vierten Sohn von Kaiser Wilhelm II. Der meist "Auwi" genannte und als ausgesprochen unmilitärisch geltende August Wilhelm entschied sich nach kurzer Garde-Leutnant-Erfahrung 1906 zum Universitätsstudium, wurde zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert, legte die juristische Staatsprüfung ab und unterzog sich dem Referendardienst. Während der Ausbildungsphase heiratete er seine Cousine Alexandra zu Schleswig-Holstein und zog in die Villa Liegnitz im Park von Sanssouci. Sein Sohn Alexander kam 1912 zur Welt - obwohl es sich nur um eine "Kulissenehe" gehandelt und der kulturell ambitionierte Prinz eigentlich seinen persönlichen Adjutanten über Jahre als "Lebensgefährten" empfunden haben soll.

          1918 verlor das kaiserliche Deutschland den Krieg, Auwis Vater den Thron, der Prinz alsbald durch Tod seine als "geheiligte Person" verehrte Mutter sowie durch Scheidung seine "leicht entflammbare" Frau Alexandra, die "mit ihrem Angetrauten in sexueller Hinsicht in eine Sackgasse geraten war", aus der sie offensichtlich nur ein seekriegsgeschonter Korvettenkapitän wieder hinauszulotsen vermochte. In der Villa Liegnitz lenkte sich der materiell gut gestellte alleinerziehende Prinz durch Malen ab. Anfang 1929 lernte er Hitler kennen und schätzen. Dieser "politische Herzensbrecher" lud ihn sofort zum Parteitag ein und erteilte ihm wenig später die Erlaubnis, auf Veranstaltungen der NSDAP zu reden. Auf Seite 175 des Buches - sicher ein Zufall - finden sich Auwis Eindrücke vom Nürnberger Parteitag: "Ich ahnte gar nicht, daß es noch so viele, schöne, große blonde Menschen" - hier setzt der Historiker dem Briefzitat als Lesehilfe "" hinzu - "in Deutschland gab, es war direkt ergreifend". Für Machtan steht fest: Ein "erotischer Impuls" war das Hauptmotiv des Prinzen, Anfang 1930 der NSDAP beizutreten. Am 1. März nahm er bereits an der Beisetzung Horst Wessels teil. In dem anschließend von Joseph Goebbels initiierten Wessel-Kult, den Hanns Heinz Ewers 1932 mit dem Auftragsroman "Horst Wessel" befeuerte, kam Auwi zu besonderen Ehren: Beim Besuch von Goebbels an Wessels Sterbebett drängt der SA-Sturmführer den Gauleiter, den Hohenzollernprinzen in die SA aufzunehmen. Jenen "letzten Wunsch" sieht Machtan als "reines Phantasieprodukt" an, das jedoch für Auwi "eine zentrale Legitimationshilfe in seinem Avancement zum ,echten' Nazi" bedeutete.

          Im Oktober 1931 zeigte sich August Wilhelm zum ersten Male in maßgeschneiderter brauner Uniform, fühlte sich als "Arbeiterprinz" und genoß das "pralle Gemeinschaftsleben" in der SA, zu deren Anziehungskraft "mann-männliche Begehrlichkeiten" beigetragen hätten. Daneben gewann er weitere Hochadlige für die NSDAP und stellte sich als Spitzenkandidat für den Preußischen Landtag bei der Wahl im April 1932 zur Verfügung. Der "Führer" habe mit ihm über einen "prestigeträchtigen Lockvogel" verfügt. Mittels großer Namen habe Hitler sich als einzig legitimer Erbe der deutschen Geschichte präsentieren wollen: "Nur dadurch, daß er echte Bismarcks, echte Hohenzollern, echte Hindenburgs persönlich verpflichten konnte, setzte er sich in den Stand, mit diesen mythenumwobenen Namen auch Politik zu machen, ohne aufgesetzt zu wirken oder sich gar lächerlich zu machen." Wer will da dem Autor widersprechen, aber ist diese Erkenntnis wirklich neu?

          Machtan wärmt schließlich "Hitlers Geheimnis" wieder auf: Bedroht durch Ernst Röhm, habe der Kanzler ein höchst riskantes Mittel eingesetzt: "das der gelenkten Erzeugung von öffentlicher Empörung über Homosexualität in der deutschen Politik, die sich widrigenfalls auch gegen ihn selbst hätte richten können ... Mit dem Stabschef und dessen Seilschaften wollte er aber auch eine gefährliche Erpresser-Clique abschütteln und sich zugleich ein für allemal von dem Makel befreien, als ,schwul' angesehen zu werden." Nach der Mordaktion vom Frühsommer 1934 habe der "Führer" dem Kaisersohn einfach die "kalte Schulter" gezeigt. So konnten Adi und Auwi doch kein Traumpaar werden - nicht einmal in den wilden Träumen eines Lothar Machtan.

          RAINER BLASIUS

          Lothar Machtan: Der Kaisersohn bei Hitler. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2006. 463 S., 24,- [Euro].

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