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: Der Auserwählte

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ENGELBERT DOLLFUSS stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Nach abgebrochenem Priesterseminar, Kriegsdienst und Studium machte er in der Landwirtschaftskammer Niederösterreichs Karriere, bevor er in die Politik wechselte. 1932 bildete er mit hauchdünner Mehrheit eine Regierung aus Christlichsozialen, ...

          ENGELBERT DOLLFUSS stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Nach abgebrochenem Priesterseminar, Kriegsdienst und Studium machte er in der Landwirtschaftskammer Niederösterreichs Karriere, bevor er in die Politik wechselte. 1932 bildete er mit hauchdünner Mehrheit eine Regierung aus Christlichsozialen, Heimwehr und Landbund, nachdem die Sozialdemokraten einem Angebot zur Beteiligung nicht gefolgt waren. Als sich das Parlament durch einen Trick der Parteien selbst ausschaltete, nutzte der Bundeskanzler die Chance, um eine autoritäre Regierung - den christlichen Ständestaat - zu errichten. Dollfuß glaubte, aufgrund göttlicher Fügung zu handeln. Danach sollte das demokratische Prinzip zugunsten eines von Gott gesandten und an christlichen Prinzipien orientierten Herrschers aufgegeben werden. Offensichtlich erwog er eine Restauration der Habsburger. Dollfuß gehört noch immer zu den umstrittensten Persönlichkeiten der österreichischen Geschichte: Die SPÖ betrachtet ihn als denjenigen, der im Februar 1934 den Aufstand der Schutzbündler brutal niederschlagen und mehrere Sozialdemokraten hinrichten ließ, die ÖVP verehrt ihn trotz seiner Fehler als Verteidiger des Vaterlands gegen die Nationalsozialisten, da er am 25. Juli 1934 bei einem Putsch der Anhänger Hitlers ermordet wurde. Diese Auffassungen setzen sich im politischen Alltag fort und zeigen gelegentlich groteske Züge: Die SPÖ, für die das Scheitern des Februarputsches noch immer ein nicht verarbeitetes Trauma ist, das tiefer wirkt als die nationalsozialistische Zeit, rückt die ÖVP mit ihrer Verehrung für den ermordeten Bundeskanzler immer wieder in die Nähe des Faschismus. Auf der anderen Seite ist zu fragen, wieso eine demokratische Partei einen Politiker, der zweifellos Verdienste um die Identität Österreichs erworben hat, der aber auf keinen Fall ein Demokrat war, zu ihren Idolen zählt. Im Schlußwort bietet Gudula Walterskirchen ein ausgewogenes Bild: einerseits Heldenkanzler, aber auch Versager in wichtigen innenpolitischen Fragen; vor allem stimmte das Verhalten von Dollfuß während der Februarereignisse nicht mit seinem christlichen Weltbild überein. (Gudula Walterskirchen: Engelbert Dollfuß. Arbeitermörder oder Heldenkanzler. Molden Verlag, Wien 2004. 320 Seiten, 24,80 [Euro].)

          FRANZ-JOSEF KOS

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