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: Der Allerweltshistoriker als Briefschreiber

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Ende 1932 hielt er den Zustand seiner Familie (mit einem Sohn) für "sehr gut. Wir sind gesund, bieder und fleißig." In seinen Briefen ist viel von Stimmungen und vom Innenleben seiner Partei und Fraktion, aber wenig vom Weltgeschehen die Rede: "Demokratie ohne Außenpolitik ist schöner als mit Außenpolitik." Auch fehlt jene Distanz gegenüber Gustav Stresemann, auf die der spätere Bundespräsident Wert legte. Den Band über die Jahre 1918 bis 1933 hat Michael Dorrmann mit einer instruktiven Einleitung versehen und ausführlich kommentiert.

Die von Heuss anfangs unterschätzte Gefährlichkeit der Hitler-Regierung wich bald der Einsicht, mit der Zäsur des 30. Januar 1933 eine "echtere Revolution als 1918" zu erleben. Nach dem Verlust seines Mandats, der Auflösung der Parteien und seiner Entlassung aus der Deutschen Hochschule für Politik war Heuss verunsichert, ohne in "Panik" zu geraten. Er stellte sich auf Denunziation und Briefkontrolle ein und führte seine umfangreiche Korrespondenz mit "komplizierter und sich selber einengender Schreibart". Wenngleich zwei seiner Schriften der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, zeigte er ein "gewisses Verständnis" für die NS-Reaktion auf "entwurzeltes jüdisches Literatentum". Die ihm noch bis 1936 mögliche Redaktion der Zeitschrift "Die Hilfe" erhielt vor allem die "Gesinnungsgemeinschaft" der "Naumannianer" aufrecht.

Heuss war bereit, die Konsequenzen der Niederlage von 1933 zu tragen, ohne aber, unbeschadet erheblicher finanzieller Einbußen, das Ziel seiner publizistischen Weiterarbeit aufzugeben, vor dem eigenen Gewissen "bestehen zu können". Seit Ende 1934 wiederholt erfolgte Verwarnungen zwangen ihn zu "verbindlicher Harmlosigkeit" bis hin zu durchsichtiger Anpassung. Die beruflichen Einschränkungen verschafften Heuss Freiraum zum Abschluss einer Naumann-Biographie. Vor und nach deren Erscheinen, 1937, nutzte er sein Beziehungsgeflecht zur Vermarktung des Buches. Sein partieller Rückzug auf literarische Gegenwehr war nur möglich, weil Elly Heuss-Knapp trotz häufiger Erkrankungen jahrelang durch Rundfunkwerbung und Prospektreklame ("ein mühsames Gewerbe") die "Hauptlast unserer bürgerlichen Existenz" trug. Infolge seiner zunehmend reduzierten Publizistik "am Rande der Zeit" sah Heuss "ein wesentliches Stück" seiner Begabung "brachliegen". In der Abwägung, wie andere Freunde zu emigrieren oder weiter "geduckt" zu verharren, gehörte für ihn "mehr Mut und Charakter" dazu, "in der Heimat zu bleiben".

Unmittelbar nach Beginn des Krieges 1939, dem Heuss lange Dauer prophezeite, scheiterte seine Bewerbung um eine "Büro-Stellung" bei Bosch in Stuttgart. So sah er seine Aufgabe weiter in "freier Publizistik und in der wissenschaftlichen Bucharbeit". Er verstand seine Biographien über den Architekten Hans Poelzig (1939) und den Chemiker Justus von Liebig (1942) als literarische Gegenwelten und begann die Vita von Robert Bosch, dessen Firma ihn dabei unterstützte. Die seit 1941 bei der "Frankfurter Zeitung" nur unter einem Pseudonym mögliche Mitarbeit, "als Allerweltshistoriker", endete mit deren Verbot zwei Jahre später. Nach der "Flucht" aus dem bereits teilweise zerstörten Berlin, Mitte August 1943, überlebte das Ehepaar Heuss das Kriegsende in Heidelberg-Handschuhsheim, in einer Zwei-Zimmer-"Dachstubenidylle". Der an seiner Bosch-Biographie weiterarbeitende Autor suchte "mit Anstand aus dieser Sauzeit herauszukommen". Seine künftige Aufgabe sah er darin, die "fast zerrissene Continuität im geistig-moralischen Sein der Nation zu retten". Die Einleitung von Elke Seefried ist ein eigenständiger Forschungsbeitrag über das Leben und Überleben des schwäbischen Bildungsbürgers "in der Defensive" 1933 bis 1945, nicht in "der inneren Emigration". Auch dieser Band ist sachgerecht kommentiert, sparsam illustriert und durch ausführliche Register erschlossen.

RUDOLF MORSEY

Theodor Heuss: Bürger der Weimarer Republik. Briefe 1918-1933. Stuttgarter Ausgabe. Herausgegeben von der Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus. Bearbeitet von Michael Dorrmann. K.G. Saur Verlag, München 2008. 631 S., 39,80 [Euro].

Theodor Heuss: In der Defensive. Briefe 1933-1945. Herausgegeben von der Stiftung Bundesrpräsident Theodor-Heuss-Haus. Bearbeitet von Elke Seefried. K.G. Saur Verlag, München 2009. 646 S., 39,95 [Euro].

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