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: Das Wohl aller im Blick

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Patriotismus ist eine unverzichtbare Voraussetzung der Demokratie. So lautet das Ergebnis der perspektivenreichen Untersuchung von Volker Kronenberg. Ohne Patriotismus sei kein Staat in der Lage, seine freiheitsverbürgenden Institutionen dauerhaft lebendig zu erhalten. Warum das so ist, wird aus ...

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          Patriotismus ist eine unverzichtbare Voraussetzung der Demokratie. So lautet das Ergebnis der perspektivenreichen Untersuchung von Volker Kronenberg. Ohne Patriotismus sei kein Staat in der Lage, seine freiheitsverbürgenden Institutionen dauerhaft lebendig zu erhalten. Warum das so ist, wird aus der Definition ersichtlich, die Kronenberg seiner Patriotismus-Studie zugrunde legt: Patriotismus markiere ein Verhalten, das nicht persönliche Interessen und Karrieregesichtspunkte zu handlungsleitenden Normen öffentlichen Engagements erhebe, sondern das Wohl aller Mitglieder der Gesellschaft im Blick habe. Patriotismus sei Arbeit am Gemeinwohl, Dienst an der Sache der res publica - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

          Mit dieser auf den ersten Blick eher überraschenden Inhaltsbestimmung bezieht Kronenberg Position in einer höchst aktuell gewordenen und lebhaft geführten Debatte, die - ausgelöst vom Unbehagen an den zunehmend erstarrten Ritualen deutscher Selbstkritik - ein verstärktes Verlangen nach einem "neuen Patriotismus" nahezulegen scheint. Solchem Verlangen trägt der Autor Rechnung, der aus politikwissenschaftlicher Perspektive den historischen Patriotismus-Begriff in "gegenwartsbezogener Absicht" rekonstruieren will. Der Blick richtet sich dabei nicht nur auf die zweihundertjährige Geschichte des Patriotismus-Diskurses in Deutschland. Er bezieht auch Sichtweisen aus Frankreich, England und den Vereinigten Staaten mit ein.

          Die aus solcher Vergleichsperspektive erwachsenen Forschungsresultate verdienen Beachtung, weil sie die aktuelle Debatte durch neue und teilweise originelle Akzentsetzungen beleben. Mit Blick auf das 18. Jahrhundert wird deutlich, wie stark die führenden deutschen Philosophen und Staatstheoretiker damals aufgeklärtes Denken und patriotisches Handeln als untrennbar miteinander verknüpft empfanden. "Aufgeklärt" sein hieß in der Vorstellungswelt eines Immanuel Kant, Thomas Abbt oder Friedrich Carl von Moser, sich für das Allgemeinwohl zu engagieren. Der "Patriot" war der tugendhaft handelnde Staatsbürger schlechthin, der sein privates und öffentliches Wirken ganz dem Gedeihen des Vaterlandes widmete und sich in dieser vaterländischen Gesinnung zugleich als Kosmopolit fühlen durfte - einig mit allen anderen am Wohl der Menschheit arbeitenden Patrioten aller Länder der zivilisierten Welt.

          Kronenberg legt großen Wert auf den Nachweis, daß die Tradition dieses "freiheitlichen Patriotismus" mit seinen staatsbürgerlich-emanzipatorischen Komponenten in den Jahren nach 1789 nicht abgebrochen ist. Auch jene Patrioten, die im Rahmen der deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts aktiv gewesen seien, hätten diese Perspektive niemals gänzlich aus dem Blick verloren. Und tatsächlich richteten sich deren Ziele ja auf die Verwirklichung von Einheit und Freiheit in einem deutschen Nationalstaat, der als Verfassungsstaat zugleich Raum für die Entfaltung einer modernen Bürgergesellschaft bieten sollte. Diese freiheitlich-emanzipatorische Ausprägungsform deutschen patriotischen Denkens bietet für Kronenberg die historische Bezugsgröße, an die eine aktuelle Patriotismus-Debatte im vereinigten Deutschland anknüpfen kann. Das, was die deutschen Patrioten des 18. und 19. Jahrhunderts einst erstrebten - die moderne Bürgergesellschaft in Einheit und Freiheit -, ist mittlerweile Realität geworden. Doch vielfach fehlen der Bürgergesellschaft emotionale Bindungskräfte, aus denen kollektive Identitäten erwachsen. Und nicht selten mangelt es an gefühlsmäßiger Identifikation der in Einheit und Freiheit Lebenden mit ihrem Staat und der ihn tragenden Wertegemeinschaft. Für Kronenberg ist eine solche dringend erforderliche Identifikationsleistung an die Existenz des demokratisch verfaßten Nationalstaats gebunden, auf den sich patriotisches Handeln in absehbarer Zeit zu beziehen habe. Allein der Nationalstaat sorge für eine effektive Garantie der Freiheits-, Grund- und Bürgerrechte und sei als Vermittler von Solidarität ebenso unentbehrlich wie als einzig bisher funktionierender Ort demokratischer Partizipation.

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