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: Das Prinzip Vernichtung

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Am 30. März 1941 stellte Hitler in einer mehrstündigen Ansprache vor knapp hundert Wehrmachtsoffizieren seine Einschätzung der weltpolitischen Lage, aber auch die Ziele und Methoden des geplanten Angriffs auf die Sowjetunion vor. Die wenigen Berichte, die uns dazu vorliegen, lassen das Ungeheuerliche des geplanten Krieges erkennen.

          Am 30. März 1941 stellte Hitler in einer mehrstündigen Ansprache vor knapp hundert Wehrmachtsoffizieren seine Einschätzung der weltpolitischen Lage, aber auch die Ziele und Methoden des geplanten Angriffs auf die Sowjetunion vor. Die wenigen Berichte, die uns dazu vorliegen, lassen das Ungeheuerliche des geplanten Krieges erkennen. Von einem "Weltanschauungskampf" gegen den "Bolschewismus" war in der Reichskanzlei die Rede, von der notwendigen "Beseitigung" bolschewistischer Kommissare, vom "Kampf um unser Dasein". Viele der sozialdarwinistischen und antibolschewistischen Formulierungen waren den Generälen nicht neu, doch hier wurde ein Vernichtungskampf nicht nur gegen einen militärischen Gegner, sondern gegen eine ganze Herrschafts- und Gesellschaftsordnung und ihre Funktionsträger als Kriegsziel angekündigt. Zudem deutete sich die völlige Entrechtung und Bekämpfung der Zivilbevölkerung an und zunächst nur indirekt auch der Juden in der Sowjetunion.

          Über kritische oder gar empörte Reaktionen der anwesenden Befehlshaber auf diese Pläne, die einen eklatanten Verstoß gegen das bestehende Kriegsvölkerrecht ankündigten, ist nichts bekannt. Auch die Umsetzung der "verbrecherischen Befehle" kann nur als Ausdruck einer passiven Hinnahme beziehungsweise Akzeptanz beschrieben werden. Die Frage nach der Mitwirkung der Wehrmacht ist seit dreißig Jahren Gegenstand historischer Forschung, ohne dass es eine umfassende Erklärung für die Radikalisierung der Einstellungen und des Verhaltens der Wehrmachts- und Heeresgeneralität gibt, ohne dass wir über das Ausmaß der Beteiligung der Wehrmacht an und über die Verantwortlichkeit einzelner militärischer Einheiten genügend Kenntnisse besitzen. Die heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen um die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" haben dieser Frage zusätzliche Aktualität verliehen und die historische Forschung zur intensiveren und differenzierteren Beschäftigung mit der Frage nach der Rolle der Wehrmacht in dem Prozess der Durchsetzung nationalsozialistischer Vernichtungsstrategien veranlasst. Die Studie von Johannes Hürter ist im Rahmen eines Projekts des Instituts für Zeitgeschichte zur "Wehrmacht in der NS-Diktatur" entstanden und bestätigt die bisherige Forschung in ihren Grundaussagen; aber sie bringt darüber hinaus mit ihrem methodischen Ansatz und ihren Interpretationen unser Wissen um Motive und Handlungsweisen der Wehrmachtsgeneralität ein gutes Stück weiter.

          Hürter untersucht alle Oberbefehlshaber der drei Heeresgruppen sowie sämtlicher Panzergruppen, die zwischen 1941 und 1942 an der Ostfront zum Einsatz kamen. Auch reicht seine Analyse weit über den eigentlichen Untersuchungszeitraum hinaus. Denn er verfolgt in seiner Gruppenbiographie der 25 Oberbefehlshaber und Kommandeure deren soziale Herkunft, militärische Karriere und Sozialisation vom Kaiserreich über die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, der Revolution von 1918/19 und der Weimarer Republik bis zur Aufrüstung im "Dritten Reich" und den Erfolgen in den ersten Kriegsjahren und dann bis zum "Unternehmen Barbarossa". Hürter sieht die Erklärung dafür, dass sich die nationalkonservative, militärische Elite schließlich zu Handlangern der NS-Diktatur und ihrer Vernichtungspolitik gemacht hat, in einer Vielzahl von mentalen, sozialen und politischen Voraussetzungen und Verwandlungen. Dazu gehören eine soziale Exklusivität und Statusbewahrung, eine radikalnationalistische, konservative und vom wilhelminischen Imperialismus geprägte politische Gesinnung und Autoritätsgläubigkeit, die aber erst durch die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der Revolution von 1918/19 jene einseitige Zuspitzung erfuhren, die trotz formaler Anerkennung zu einer grundsätzlichen Ablehnung der Weimarer Republik und zur Ausprägung militärisch-politischer Leitbilder führten, die den Weg in die Diktatur ebneten. Sie waren geprägt vom Dogma von Angriff und Bewegung und vom Konzept eines künftigen totalen Kriegs, der nur auf der Grundlage einer geschlossenen Volksgemeinschaft zu führen sei.

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